Jürgen Klopps erstes Spiel als Bundestrainer endet mit einem 1:1 in Amsterdam – und dieses Ergebnis erzählt nur die halbe Geschichte. Deutschland führte durch Felix Nmecha lange mit 1:0, musste gegen immer stärker werdende Niederländer aber tief verteidigen und kassierte in der 92. Minute durch Cody Gakpo noch den Ausgleich. Das Debüt zeigte bereits, wohin Klopp mit dieser Mannschaft will. Es zeigte aber ebenso deutlich, wo noch viel Arbeit wartet.
Ein Auswärtspunkt bei den Niederlanden ist grundsätzlich kein schlechter Start in eine Nations-League-Saison. Wer nur auf das Ergebnis schaut, könnte deshalb von einem soliden Auftakt sprechen. Wer auf den Spielverlauf schaut, kommt zu einem differenzierteren Urteil: Deutschland hatte gute, mutige Phasen und nutzte eine seiner besten Umschaltsituationen zur Führung. Über 90 Minuten fehlte aber die Kontrolle, um diese Führung wirklich souverän nach Hause zu bringen.
Das Spiel in Kürze
- Endstand: Niederlande – Deutschland 1:1
- Tore: 0:1 Felix Nmecha (32.), 1:1 Cody Gakpo (90.+2)
- Wettbewerb: UEFA Nations League, Liga A, Gruppe 2
- Spielort: Johan Cruijff ArenA in Amsterdam
- Besonderheit: erstes Länderspiel unter Bundestrainer Jürgen Klopp
- Debütanten: Philipp Treu in der Startelf, Younes Ebnoutalib nach knapp einer halben Stunde eingewechselt
Klopps erste Idee ist schon zu erkennen
Dass Jürgen Klopp die Nationalmannschaft nicht innerhalb weniger Trainingstage komplett neu erfinden würde, war klar. Trotzdem waren schon in Amsterdam typische Elemente zu erkennen: Deutschland wollte nach Ballgewinnen schnell nach vorne spielen, suchte mit Karim Adeyemi und Kevin Schade Tempo auf den Außenbahnen und versuchte, den Gegner nicht nur passiv zu erwarten.
Das Grundprinzip war mutig. Statt langer Ballbesitzphasen um ihrer selbst willen ging es oft darum, mit wenigen Kontakten Raum zu gewinnen. Gerade in der ersten Halbzeit funktionierte das mehrfach ordentlich. Wenn die deutsche Mannschaft die erste niederländische Pressinglinie überspielt bekam, entstand sofort Dynamik.
Aber genau hier liegt auch die erste große Baustelle: Klopps Fußball lebt nicht nur von Tempo, sondern von gemeinsamem Timing. Pressing funktioniert nur, wenn Abstände, Anlaufwinkel und Absicherung passen. In Amsterdam gab es immer wieder Momente, in denen einzelne deutsche Spieler aggressiv anliefen, die Mannschaft dahinter aber nicht kompakt genug nachschob. Dann konnten Ryan Gravenberch, Tijjani Reijnders und die niederländischen Außen die entstehenden Räume nutzen.
Musiala fällt beim Aufwärmen aus – Havertz muss früh runter
Klopp musste seinen Plan schon vor dem Anpfiff verändern. Jamal Musiala war ursprünglich für die Startelf vorgesehen, meldete beim Aufwärmen jedoch Probleme im Oberschenkel. Nadiem Amiri rückte kurzfristig in die Mannschaft. Das änderte zwar nicht grundsätzlich die Formation, aber sehr wohl die Art, wie Deutschland zwischen den Linien spielen konnte.
Nach nicht einmal einer halben Stunde folgte der nächste Einschnitt. Kai Havertz musste angeschlagen vom Platz, für ihn kam Younes Ebnoutalib zu seinem ersten A-Länderspiel. Damit fehlten plötzlich zwei Spieler, die eigentlich wichtige Verbindungen zwischen Mittelfeld und Angriff herstellen sollten. Dass die deutsche Offensive danach nicht immer sauber ineinandergriff, lässt sich nicht allein damit erklären – es gehört aber unbedingt zur Einordnung dieses Spiels.
Für Philipp Treu war der Abend ebenfalls besonders: Er stand bei seinem Debüt direkt in der Startelf. Klopp hat damit schon im ersten Spiel gezeigt, dass Namen und bisherige Hierarchien für ihn nicht automatisch wichtiger sind als aktuelles Profil und taktische Aufgabe.
Das 1:0 durch Nmecha: genau der Fußball, den Klopp sehen will
Die deutsche Führung in der 32. Minute war die beste Werbung für die Idee hinter Klopps Ansatz. Deutschland schaltete schnell um, Karim Adeyemi brachte Tempo in den Angriff und Felix Nmecha schloss zum 1:0 ab. Kein langer Ballbesitz, kein komplizierter Aufbau – sondern Raum erkennen, Tempo aufnehmen und konsequent zum Abschluss kommen.
Nmecha war damit erneut in einer auffälligen Rolle. Auf diesem Blog ging es erst vor wenigen Tagen um seinen starken Auftritt für Borussia Dortmund gegen Paderborn. Wer den Beitrag noch nicht gelesen hat, findet ihn hier: BVB schlägt Paderborn 3:0: Schlotterbeck ist zurück, Nmecha trifft spektakulär.

Die Zahlen erklären, warum das 1:0 nicht hielt
Spätestens nach der Pause verschob sich das Spiel deutlich. Die Niederlande kamen immer häufiger in die deutsche Hälfte und hielten den Druck lange aufrecht. Die Matchdaten sind auffällig: Oranje kam insgesamt auf 22 Abschlüsse, Deutschland auf 10. Bei den Schüssen aufs Tor stand es 8:2, bei den Eckbällen sogar 12:1 für die Niederlande. Der Ballbesitz war mit 53 zu 47 Prozent wesentlich ausgeglichener – entscheidender war also nicht, wer den Ball länger hatte, sondern wo und mit welcher Konsequenz gespielt wurde.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass Deutschland 90 Minuten lang chancenlos gewesen wäre. Sie zeigen aber, wie stark das Spiel nach der Führung in Richtung des deutschen Strafraums kippte. Zu oft gelang nach einem Ballgewinn keine längere Entlastungsphase. Der erste Pass war teilweise noch gut, der zweite oder dritte Ball ging verloren – und die nächste niederländische Angriffswelle begann.
Warum die Niederlande nach der Pause so viel Druck aufbauen konnten
Die Niederlande verlagerten das Spiel immer wieder schnell auf die Außen. Denzel Dumfries schob weit nach vorne, Cody Gakpo suchte von links den Weg in gefährliche Räume und auch die zweite Reihe rückte konsequent nach. Deutschland musste dadurch immer tiefer verteidigen.
Das Problem entstand nicht nur in der Abwehr. Wenn eine Mannschaft unter Druck keine zweiten Bälle gewinnt und das Mittelfeld nicht schnell genug nach vorne anschließen kann, wird jede geklärte Situation nur zur kurzen Pause vor dem nächsten Angriff. Genau das war über längere Phasen zu sehen.
Joshua Kimmich und Nmecha hatten im Zentrum durchaus gute Momente, mussten aber zunehmend größere Räume abdecken. Gleichzeitig konnten Adeyemi und Schade ihre Geschwindigkeit immer seltener ausspielen, weil Deutschland den Ball nicht kontrolliert genug in die offensiven Zonen bekam. So wurde aus einer eigentlich gefährlichen Umschaltmannschaft zunehmend eine Mannschaft, die vor allem verteidigte.
Ter Stegen hält Deutschland lange vorne
Dass die Führung bis tief in die Nachspielzeit Bestand hatte, lag auch an Marc-André ter Stegen. Der deutsche Torhüter musste sieben Schüsse parieren und war mehrfach gefordert. Nach seiner Rückkehr in die Nationalmannschaft war das ein intensiver Abend – und gleichzeitig einer, an dem er zeigen konnte, wie wertvoll Ruhe und Erfahrung unter Druck sind.
Auch Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck verteidigten im Strafraum lange konzentriert. Gerade Schlotterbeck kennt Nmecha natürlich aus Dortmund, und beide gehörten zu den auffälligeren deutschen Akteuren dieses Abends. Trotzdem gilt: Wenn der Gegner zu 22 Abschlüssen und zwölf Ecken kommt, kann man die Defensivleistung nicht nur anhand eines einzelnen Innenverteidigers bewerten. Die gesamte Mannschaft muss früher dafür sorgen, dass solche Angriffswellen gar nicht erst entstehen.
Die 92. Minute: Gakpo bestraft fehlende Entlastung
In der 92. Minute fiel schließlich der Ausgleich. Cody Gakpo traf nach Vorarbeit von Ruben van Bommel zum 1:1. Für Deutschland war der Zeitpunkt bitter – gemessen am Verlauf der zweiten Halbzeit kam der Treffer aber nicht aus dem Nichts.
Der späte Gegentreffer ist deshalb weniger als individuelles Versagen zu lesen, sondern als Folge einer längeren Entwicklung. Deutschland bekam das Spiel nicht mehr weit genug vom eigenen Tor weg, konnte den Ball nicht lange genug behaupten und musste immer neue Situationen verteidigen. Irgendwann steigt dann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ball durchrutscht, ein Laufweg nicht mehr sauber verfolgt wird oder ein Abschluss sitzt.
Was bei Klopp bereits positiv auffällt
Erstens: Deutschland will wieder vertikaler spielen. Das war gerade vor der Pause sichtbar. Wenn sich Räume öffneten, wurde nicht automatisch abgebrochen und zurückgespielt. Die Mannschaft suchte den Weg nach vorne.
Zweitens: Klopp setzt auf Tempo. Adeyemi und Schade passen mit ihrer Geschwindigkeit sehr gut zu einem Umschalt- und Pressingfußball. Auch Nmecha kann mit Dynamik aus dem Mittelfeld genau jene Läufe anbieten, die in solchen Systemen wichtig sind.
Drittens: Der Bundestrainer traut sich personell etwas. Treu direkt von Beginn an, Ebnoutalib nach Havertz‘ Ausfall ohne langes Zögern – das ist ein Signal an den Kader. Wer ins Profil passt und Leistung zeigt, bekommt eine Chance.
All das sollte nach einem einzigen Spiel nicht überhöht werden. Aber es ist zumindest eine erkennbare Richtung. Und nach den ersten wenigen Trainingstagen ist eine erkennbare Richtung schon mehr wert als ein perfekter taktischer Feinschliff, den es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geben kann.
Was dringend besser werden muss
Der größte Punkt ist die Spielkontrolle nach einer Führung. Klopp wird Deutschland nicht zu einer Mannschaft machen wollen, die sich nach dem 1:0 automatisch am eigenen Strafraum einrichtet. Dafür braucht es sichere Passfolgen, bessere Staffelungen im Mittelfeld und Spieler, die in Drucksituationen trotzdem anspielbar bleiben.
Der zweite Punkt ist die Absicherung des Pressings. Aggressives Anlaufen sieht gut aus, wenn alle gleichzeitig nachschieben. Wenn die Abstände nicht stimmen, kann ein technisch starker Gegner wie die Niederlande mit zwei oder drei Pässen sehr viel Raum überspielen. Genau diese Situationen gab es in Amsterdam noch zu häufig.
Drittens muss Deutschland aus seinen eigenen Umschaltmomenten mehr Entlastung und mehr Abschlüsse machen. Zehn Schüsse sind nicht katastrophal, aber zwei Schüsse aufs Tor zeigen, dass viele Angriffe nicht sauber genug zu Ende gespielt wurden. Gerade wenn man gegen einen Gegner antritt, der selbst hohen Druck aufbaut, müssen die wenigen offenen Räume konsequenter genutzt werden.
Ein Punkt zum Auftakt – und wenig Zeit bis Griechenland
Deutschland startet also mit einem Auswärtspunkt in die Gruppe A2 der Nations League. Neben Deutschland und den Niederlanden gehören Griechenland und Serbien zur Gruppe. Die beiden besten Mannschaften erreichen das Viertelfinale.
Viel Zeit zum Nacharbeiten bleibt nicht. Bereits am 27. September wartet in Augsburg Griechenland. Danach folgen am 1. Oktober das Heimspiel gegen Serbien in München und am 4. Oktober das Rückspiel gegen Griechenland in Thessaloniki. Gerade in solchen kurzen Länderspielfenstern wird spannend zu sehen sein, welche Korrekturen Klopp ohne lange Trainingsphasen hinbekommt.
Die Verletzungsfrage bei Musiala und Havertz dürfte dabei ebenfalls eine Rolle spielen. Direkt nach dem Spiel lässt sich noch nicht seriös sagen, ob und wie lange beide ausfallen. Für die nächsten Tage wird deshalb entscheidend sein, was die medizinischen Untersuchungen ergeben.
Mein Fazit: Ein brauchbarer Start mit deutlicher Warnung
Ein 1:1 in Amsterdam ist für Jürgen Klopp kein Fehlstart. Deutschland hat gegen einen starken Gegner auswärts gepunktet, einen guten Treffer herausgespielt und mehrere neue beziehungsweise zurückgekehrte Spieler unter hoher Belastung eingesetzt. Das sind die positiven Seiten.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, den späten Ausgleich nur als Pech abzuhaken. Die Niederlande hatten über das gesamte Spiel deutlich mehr Abschlüsse, zwölf Ecken und vor allem nach der Pause die größere Präsenz. Deutschland verteidigte lange mit viel Einsatz, verlor aber zunehmend die Kontrolle.
Genau deshalb ist dieses 1:1 für Klopps Start vielleicht sogar wertvoller als ein schmeichelhaftes 1:0 gewesen wäre. Die Grundidee ist sichtbar: Tempo, Mut, vertikales Spiel und aggressiveres Anlaufen. Jetzt muss daraus eine Mannschaft werden, die diese Intensität nicht nur phasenweise zeigt, sondern auch weiß, wie sie ein Spiel beruhigt, wenn der Gegner stärker wird.
Der erste Schritt ist gemacht. Gegen Griechenland wird man schon sehen, welche Lehren Klopp und seine Mannschaft aus einem Abend gezogen haben, der Hoffnung gemacht, aber die Baustellen ebenso offen gezeigt hat.


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