Vom Corona-Boom zum Ladensterben: Wie sich der Einrichtungsfachhandel seit 2019 verändert

Hinweisschild an einem geschlossenen Geschäft als Symbol für Ladenschließungen

Ein Räumungsverkauf, ein paar große Plakate am Eingang, vielleicht noch einmal richtig Betrieb auf dem Parkplatz. Und dann ist Schluss. Was in Gladbeck mit dem Dekor-Markt Bonnekoh passiert, ist längst kein einzelner Fall mehr. In vielen Städten verschwinden Fachgeschäfte, die über Jahrzehnte Tapeten, Farben, Gardinen, Bodenbeläge und Möbel verkauft haben. Gleichzeitig entstehen anderswo neue Discounter, und frühere Märkte öffnen unter einem anderen Namen wieder. Was geht hier eigentlich gerade vor?

Ich habe mir dafür die Entwicklung seit 2019 angesehen: den ungewöhnlichen Boom während der Corona-Jahre, den Rückgang danach, das Ende großer Ketten wie Hammer, die Zerschlagung von Hellweg, aber auch die Neueröffnungen von POCO und die Rolle der Einkaufsverbände. Nordrhein-Westfalen bekommt dabei bewusst viel Raum. Es ist eine Geschichte über Umsatz und Standorte – vor allem aber über Menschen, Nachfolgeprobleme und eine Handelslandschaft, die sich still und manchmal ziemlich abrupt verändert.

Recherche-Stand: 4. November 2026. Geplante Schließungen und Übernahmen sind als solche gekennzeichnet. Dieser Beitrag unterscheidet Unternehmenszahlen, Standorte, Umsatz und verkaufte Mengen – denn das ist nicht dasselbe.

Erst der außergewöhnliche Boom, dann die ernüchternde Normalität

Während Corona blieb für viele Menschen mehr Zeit zu Hause. Reisen, Freizeit und andere Ausgaben fielen teilweise aus; stattdessen wurde gestrichen, tapeziert, ein neuer Boden ausgesucht oder das Wohnzimmer umgestaltet. Gerade die Baumärkte profitierten. Doch das außergewöhnliche Geschäft wurde schnell zur Messlatte für alles, was danach kam. Eine gefährliche Messlatte, denn der Boom war in dieser Form kaum dauerhaft zu halten.

Der Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten (BHB) dokumentiert den Verlauf sehr anschaulich. Bei den Bau- und Heimwerkermärkten stieg der Bruttoumsatz von 19,46 Milliarden Euro 2019 auf 22,14 Milliarden Euro 2020. Im Jahr 2021 sackte er auf 20,33 Milliarden Euro ab, 2022 erholte er sich auf 21,92 Milliarden Euro. Danach ging es wieder rückwärts. Für 2025 stehen 20,58 Milliarden Euro in der Statistik.

JahrBruttoumsatz Bau- und HeimwerkermärkteZahl der Standorte
201919,46 Mrd. €2.106
202022,14 Mrd. €2.095
202120,33 Mrd. €2.091
202221,92 Mrd. €2.067
202321,24 Mrd. €2.050
202420,92 Mrd. €2.030
202520,58 Mrd. €2.004

Die Zahlen erzählen zwei verschiedene Geschichten. Der Umsatz liegt 2025 nominal noch über 2019. Das heißt aber nicht, dass mehr Waren über die Theke gegangen sind: Gestiegene Preise verändern den Geldwert der Verkäufe. Bei den Standorten ist die Richtung eindeutiger. Zwischen 2019 und 2025 sank ihre Zahl um 102, von 2.106 auf 2.004. Und der BHB meldete für 2025 nicht nur weniger Märkte, sondern auch eine kleinere gesamte Verkaufsfläche. Die zugrunde liegenden Reihen stammen aus GfK- und gemaba-Erhebungen; sie zählen nicht sämtliche kleineren Tapeten- oder Gardinengeschäfte.

Hand mit Farbfächer über Planungsunterlagen als Symbol für die Beratung im Einrichtungsfachhandel
Farbgestaltung beginnt oft mit Beratung und Mustern. Symbolbild: Karolina Grabowska / Unsplash.

Bei Tapeten sieht man den Rückgang nicht nur auf dem Kassenbon

Besonders hart ist die Entwicklung bei Tapeten. Nach Angaben des Verbandes der Deutschen Tapetenindustrie, veröffentlicht bei BTH Heimtex, verringerte sich der Inlandsabsatz der deutschen Tapetenhersteller zwischen 2019 und 2024 von 20,0 Millionen auf 12,1 Millionen Rollen. Das sind rund 39 Prozent weniger. Der entsprechende Umsatz fiel von 98,8 auf 76,1 Millionen Euro, also um etwa 23 Prozent.

Man sollte bei diesen Zahlen genau hinschauen: Erfasst ist der Inlandsabsatz deutscher Hersteller, nicht jede in Deutschland verkaufte Tapetenrolle. Importware und andere Vertriebswege können das Bild verändern. Aber der Mengenrückgang ist so groß, dass man ihn nicht mit Inflation oder höheren Preisen wegdiskutieren kann. Der Verband sieht die Tapete zunehmend als dekoratives Nischenprodukt statt als selbstverständlichen Renovierungsartikel. Das muss nicht ihr Ende sein – es verändert nur die Größenordnung des Marktes.

Bei den Heimtextilien sieht es ähnlich uneinheitlich aus. Für 2024 meldete das Kompetenz-Zentrum Textil + Sonnenschutz bei Deko- und Gardinenstoffen einen Umsatzrückgang von 12,5 Prozent und einen Mengenrückgang von 18,1 Prozent. Textile Bodenbeläge verloren beim Umsatz 5,1 Prozent und bei der Menge 2,6 Prozent. Maßgefertigter innenliegender Sonnenschutz entwickelte sich dagegen günstiger. Auch hier lohnt es sich, die Warengruppen nicht in einen Topf zu werfen. Quelle: BTH Heimtex zur Heimtextilienbilanz 2024.

Im Möbelhandel ist der Rückschlag ebenso greifbar. Nach Destatis ging der reale Umsatz des Möbeleinzelhandels 2023 um 10,8 Prozent und 2024 um weitere 5,5 Prozent zurück. „Real“ bedeutet hier: Preisveränderungen sind herausgerechnet. Die Rückgänge sind also kein bloßer Zahleneffekt.

Auch die Baustellen werden weniger

Ein neuer Boden, die Tapete fürs Kinderzimmer, Gardinen oder Sonnenschutz: Für viele Warengruppen sind Neubauten und größere Modernisierungen wichtige Anlässe zum Kauf. Gerade der Wohnungsbau liefert deshalb einen zweiten Schlüssel zum Verständnis der Krise.

2020 wurden in Deutschland noch rund 306.400 Wohnungen fertiggestellt. 2025 waren es laut Statistischem Bundesamt nur 206.600 – der niedrigste Stand seit 2012. Allein gegenüber 2024 betrug das Minus 18 Prozent. Die Baugenehmigungen stiegen 2025 zwar wieder um 10,6 Prozent. Genehmigt heißt aber noch lange nicht gebaut, und gebaut heißt noch nicht eingerichtet.

Innenraum im Rohbau mit Holzkonstruktion und Treppe während der Renovierung
Weniger neue Wohnungen können auch die Nachfrage nach Böden und Innenausstattung bremsen. Symbolbild: Olek Buzunov / Unsplash.

Trotzdem wäre der Satz „Weniger Neubau, deshalb weniger Renovierung“ zu einfach. Im bestehenden Wohnungsbestand kann umso mehr modernisiert werden. Nur: Wenn private Haushalte verunsichert sind, Investitionen verschieben und größere Anschaffungen noch ein Jahr warten lassen, fehlt vielen Fachhändlern nicht der eine riesige Auftrag, sondern eine ganze Reihe mittelgroßer Käufe. Die Statistik zeigt einen möglichen Zusammenhang; sie beweist nicht die Ursache jeder einzelnen Schließung.

Hammer: Das Ende eines Namens, den fast jeder kannte

Der wohl prägendste Fall im Markt für Bodenbeläge, Tapeten, Gardinen und Wohnraumgestaltung heißt Hammer. Die Unternehmensgruppe Brüder Schlau aus Porta Westfalica beantragte im Juni 2025 ein Insolvenzverfahren. Danach wurde versucht, Teile des Filialnetzes unter der Hammer Raumstylisten GmbH fortzuführen. Doch auch diese Gesellschaft geriet Anfang 2026 in die Insolvenz.

Am 20. Mai 2026 berichtete der WDR, dass bis Ende Mai auch die letzten 21 Märkte schließen müssten. Für die Fortführung fand sich kein Investor, obwohl laut Insolvenzverwaltung mehr als 300 potenzielle Interessenten angesprochen worden waren. Rund 1.100 Beschäftigten war bereits gekündigt worden. Damit endete die bundesweite Fachmarktkette in ihrer bisherigen Form.

Wichtig ist dabei die Trennung zwischen Hammer und dem ehemaligen Schlau-Großhandel: Das waren unterschiedliche Vertriebssparten innerhalb der alten Gruppe. Für Handwerksbetriebe und kleine Fachhändler hatte auch die Entwicklung der Großhandelsstandorte erhebliche Bedeutung. Nicht jede organisatorische Fortführung und nicht jede einzelne Übernahme bedeutet, dass die frühere Unternehmensgruppe weiterbesteht.

Aus Kundensicht ist der Verlust besonders sichtbar. Ein Hammer-Markt war häufig mehr als ein Lager für Rollenware. Viele Standorte verbanden das Sortiment mit Beratung, Maßanfertigung und Dienstleistungen. Welche Leistungen nach einer Schließung vor Ort erhalten bleiben, hängt davon ab, ob ein neuer Betreiber, ein Raumausstatter oder ein Handwerksbetrieb übernimmt.

Hellweg: Die Baumarktkette verschwindet nicht einfach – sie wird aufgeteilt

Bei Hellweg verläuft die Geschichte anders. Auch hier kam 2026 das Insolvenzverfahren. Aber statt sämtliche Märkte ersatzlos zu schließen, werden einzelne Standorte von Wettbewerbern übernommen. Das verändert das Bild in Städten wie Dortmund, Essen oder Beckum erheblich.

Der WDR berichtete am 5. Oktober 2026 über Käufer für einen Teil der Märkte. BAUHAUS plant nach eigener Mitteilung vom 1. September die Übernahme mehrerer ehemaliger Hellweg-Standorte, darunter Beckum, Dortmund-Hacheney, Essen-Rellinghausen und Iserlohn. Die Übernahme ist für den 1. Dezember vorgesehen; nach Umbau soll es im Frühjahr 2027 weitergehen. Hornbach ist für Dortmund-Kley, Essen-Borbeck und Sankt Augustin vorgesehen, OBI für Münster. Die Übernahmen unterliegen jeweils den konkreten rechtlichen und betrieblichen Voraussetzungen.

Für viele andere NRW-Standorte – darunter unter anderem Ahaus, Bocholt, Bochum, Dortmund-Wambel, Hamm, Hattingen, Lüdenscheid, Recklinghausen, Selm und Wuppertal – war Anfang Oktober noch kein Käufer bekannt. Für nicht übernommene Märkte ist eine Schließung Ende November 2026 angekündigt. Am Stichtag 4. November dürfen wir das ausdrücklich nicht als bereits abgeschlossen darstellen.

Genau an dieser Stelle wird die Bilanz kompliziert. Wenn ein Hellweg-Markt im Frühjahr 2027 als BAUHAUS wiederöffnet, ist eine Marke verschwunden. Das Gebäude, die Verkaufsfläche und im besten Fall ein Teil der Arbeitsplätze bleiben jedoch erhalten. Es ist ein Betreiberwechsel, keine zusätzliche Neugründung. Und die Verbraucher haben weniger unterschiedliche Anbieter zur Auswahl.

Roller schrumpft – POCO eröffnet weiter

Auch bei den Einrichtungsdiscountern gibt es keine einheitliche Entwicklung. Roller, ein großer Anbieter mit Sitz in Gelsenkirchen, hat seit September 2025 zehn Schließungen umgesetzt oder angekündigt. Zu den betroffenen Häusern gehören Husum, Villingen-Schwenningen, Crailsheim, Reutlingen, Gera, Oldenburg in Holstein, Offenbach, Rendsburg, Kerpen und Düsseldorf-Flingern. Das meldete unter anderem das Fachmedium möbelfertigung Anfang September 2026. Kerpen war für Ende Oktober vorgesehen; der Markt bestätigt inzwischen selbst die Schließung. Düsseldorf soll Ende November folgen.

Roller nennt schwierige Marktbedingungen und die Überprüfung seines Filialnetzes als Gründe. Ein Rückzug aus Deutschland ist das nicht. Es geht um eine Verkleinerung und Konzentration auf Standorte, die wirtschaftlich tragfähig bleiben sollen.

Auf der anderen Seite steht POCO. Das Unternehmen mit Sitz unter anderem in Bergkamen nennt auf seiner offiziellen Unternehmensseite derzeit 133 Einrichtungshäuser. 2025 eröffneten neue Märkte in Augsburg, Göttingen und Neumünster, 2026 kam Karlsruhe hinzu. POCO möchte das Netz perspektivisch weiter ausbauen. Damit ist widerlegt, dass im gesamten Einrichtungshandel nur noch geschlossen wird.

Auch tedox passt nicht in ein einfaches Schwarz-Weiß-Bild. Einzelne Märkte werden aufgegeben, beispielsweise Beckum 2026; gleichzeitig werden neue Standorte geplant. Das zeigt: Ein Discounter kann wirtschaftlich erfolgreich wachsen und trotzdem bestimmte Filialen schließen. Man muss immer die einzelne Immobilie, das Einzugsgebiet, die Miete und die Konkurrenz berücksichtigen.

Nordrhein-Westfalen: Hier werden die Veränderungen besonders konkret

Viele dieser Entwicklungen lassen sich an nordrhein-westfälischen Städten sehr genau ablesen. Es geht nicht nur um große Zahlen, sondern um einzelne Läden, an denen Menschen jahrelang vorbeigefahren sind und die für andere die erste Adresse beim Renovieren waren.

Gladbeck: Dekor-Markt Bonnekoh macht Ende 2026 Schluss

In Gladbeck schließt mit dem Dekor-Markt Bonnekoh ein Familienunternehmen mit mehr als 70 Jahren Geschichte. Der Fachmarkt an der Hornstraße verkauft Bodenbeläge, Tapeten, Gardinen, Heimtextilien und Heimwerkerbedarf. Die WAZ berichtete am 10. September 2026 über die angekündigte Geschäftsaufgabe zum Jahresende. Beim Räumungsverkauf ab dem 12. September war der Zuspruch nach weiteren WAZ-Recherchen außergewöhnlich groß.

Ein voller Parkplatz während eines Ausverkaufs beweist allerdings nicht, dass der vorherige Normalbetrieb wirtschaftlich ausreichend war. Rabatte verändern die Nachfrage. Die frei zugänglichen Quellen erlauben zudem keine abschließende Feststellung, dass Insolvenz oder fehlende Nachfolge die Ursache war. Wer eine ehrliche Auswertung machen will, darf diese Lücke nicht mit Vermutungen füllen.

Lippstadt und Solingen: Nicht pleite – trotzdem ist Schluss

Möbel Steinmann in Lippstadt besteht seit 75 Jahren. 2026 begann auf rund 10.000 Quadratmetern der Räumungsverkauf. Der entscheidende Grund: Die Inhaberinnen fanden keinen Nachfolger. Das Haus bestätigte den Räumungsverkauf ab dem 10. September; zur Nachfolge gibt es eine ausführliche lokale Dokumentation. Ein endgültiger Schließungstag war am Recherche-Stichtag nicht zuverlässig belegt.

In Solingen schloss Möbel Dembny Ende Dezember 2025 nach 75 Jahren. Laut Radio RSG erreichten die Inhaber das Rentenalter und fanden keinen geeigneten Nachfolger. Der Raumausstattungsservice wurde jedoch getrennt vom Möbelhaus fortgeführt. Das ist ein schönes Beispiel dafür, weshalb „Geschäft schließt“ nicht automatisch „alle Leistungen verschwinden“ heißt.

Borken-Gemen: Ein Möbelhaus geht, mehrere Filialisten ziehen ein

Ein besonders aufschlussreicher Fall ist Möbel Euting in Borken-Gemen. Das Unternehmen stellte seinen Geschäftsbetrieb Ende März 2026 ein, weil der Pachtvertrag nicht verlängert wurde. Das steht ausdrücklich auf der Website von Möbel Euting. Der Händler verwies seine Kunden bei Gewährleistungs- und Servicefragen ab April an einen Verbandskollegen.

Die Immobilie wird nicht einfach aufgegeben. In das ehemalige Möbelhaus sollen Jysk, Fressnapf und tedox einziehen; die tedox-Eröffnung wurde für Anfang 2027 angekündigt. Darüber berichtete die Borkener Zeitung. Hier verschwindet ein eigenständiges Möbelhaus, während dieselbe Fläche in mehrere Filialkonzepte umgebaut wird. Das ist Strukturwandel zum Anfassen.

Tageslicht fällt durch helle Gardinen in einen Wohnraum
Gardinen und Sonnenschutz gehören zu den Sortimentsbereichen, in denen Beratung und Maßarbeit wichtig sind. Symbolbild: 王 大洪 / Unsplash.

Was ist mit Decor-Union, Wohnstore, Wohnen & Sparen und werkhaus?

Bei der Recherche bin ich auf einen Bereich gestoßen, der in vielen allgemeinen Einzelhandelsberichten kaum vorkommt: Einkaufs- und Marketingverbünde. Decor-Union aus Hannover, der Fachhandelsring (FHR) mit dem Konzept werkhaus, der Südbund, MZE oder der Verbund Farbe und Gestaltung stehen nicht für eine einzige zentral gesteuerte Filialkette. Unter ihrem Dach arbeiten überwiegend selbstständige Händler, Raumausstatter und Fachgroßhändler. Teilweise nutzen sie gemeinsame Marken oder Vertriebskonzepte – etwa Wohnstore oder Wohnen & Sparen. Aber der einzelne Betrieb bleibt unternehmerisch eigenständig.

Das hat Folgen für die Statistik. Wenn ein Fachgeschäft die Decor-Union verlässt und einem anderen Verband beitritt, ist es nicht geschlossen. Wenn ein bisheriger Hammer-Franchisepartner unter eigenem Namen weitermacht, ist auch keine neue Verkaufsfläche hinzugekommen. Und wenn der Verbund mehr Partner meldet, sagt das allein noch nichts über die Gesamtzahl der Läden in Deutschland.

2024 wechselten nach BTH Heimtex fünf frühere Hammer-Franchisepartner zur Decor-Union: Juckel in Neumünster, Pelster in Dülmen, Schaub in Donaueschingen, Scheffer in Stadthagen und Witthus in Bremen. Sie wollten ihre Sortimente und Entscheidungen stärker an den regionalen Bedürfnissen ausrichten. Solche selbstständigen Fachmärkte können von einer Verbundstruktur profitieren, ohne vollständig auf ihre eigene Handschrift zu verzichten.

2026 folgte ein weiterer Schritt: Heimtex Nord übernahm sechs ehemalige Hammer-Standorte – in Goslar, Wolfenbüttel, Wernigerode, Peine, Uelzen und Osterode am Harz – und wurde Systempartner der Decor-Union. Das berichtete die Branchenpresse im Juni 2026. Eine entscheidende Gegenbewegung zum Ende von Hammer: Ein Teil der Fachmarktflächen bekommt unter anderem Dach eine Zukunft. Aber eben nicht als Wiedergeburt der alten Kette.

Auch die Geschäftszahlen der Decor-Union zeigen den Verlauf: Ihr in der BTH-Branchendatenbank ausgewiesener Konzentrationsumsatz stieg von 152,6 Millionen Euro 2019 auf 188,6 Millionen Euro 2022. Für 2023 sind nur noch 166,0 Millionen Euro angegeben. Konzentrationsumsatz ist keine gewöhnliche Umsatzzahl einer einzelnen Filialkette; Veränderungen in Mitgliederstruktur und Abrechnung können die Werte beeinflussen. Trotzdem macht das Minus den Druck auf diese mittelständische Landschaft sichtbar.

Beim Südbund, einem weiteren wichtigen Raumausstattungsverbund, sank der Außenumsatz 2024 laut BTH Heimtex um 5,9 Prozent auf 54,4 Millionen Euro. Solche Verbünde reagieren unter anderem mit gemeinsamen Einkaufsbedingungen, Marketing, Sortimenten, Schulungen und Partnerschaften. Für den Fachhandelsring und das werkhaus-Konzept liegt mir dagegen keine belastbare vollständige Jahresstatistik vor, die bundesweit neue und geschlossene Partnerbetriebe gegeneinander aufrechnet.

Warum selbst ein gut laufendes Geschäft schließen kann

Möbel Euting und Möbel Steinmann zeigen zwei Probleme, die mit einer simplen Insolvenztabelle nichts zu tun haben: Mietverträge und Unternehmensnachfolge. Für einen großen Fachmarkt ist ein Umzug teuer und riskant. Manche Sortimente brauchen viel Fläche, Musterwände, Lager, Zufahrt und Parkplätze. Wenn sich die Immobilie wirtschaftlich nicht mehr nutzen lässt, kann auch ein bekanntes Unternehmen an einem Standort verschwinden, ohne vorher zahlungsunfähig gewesen zu sein.

Hinzu kommt der Generationenwechsel. Nach dem IHK-Nachfolgereport NRW stehen innerhalb von zehn Jahren rund 305.000 Familienbetriebe mit etwa 1,8 Millionen Beschäftigten vor einer Unternehmensübergabe. In der zugrunde liegenden Befragung berichteten 80 Prozent von Schwierigkeiten bei der Suche nach einer externen Nachfolge. Jedes zehnte befragte Unternehmen ging davon aus, keinen Nachfolger zu finden, und bereitete eine Stilllegung vor. Das sind Daten über die gesamte Wirtschaft in NRW, nicht nur über Einrichtungsgeschäfte – aber sie erklären, weshalb uns das Thema in so vielen Städten begegnet.

Warum ist das so schwer? Ein Nachfolger übernimmt nicht bloß ein Ladenschild. Er muss Personal, Warenlager, Mietvertrag, Lieferanten, Finanzierung, Kundenbeziehungen und oft jahrelang gewachsene Verantwortung schultern. Wenn sich der Markt gleichzeitig verändert, steigt das Risiko. Und selbst wenn das Geschäft noch Gewinn macht, muss die Übernahme für den neuen Eigentümer finanzierbar sein.

Kosten, Kaufzurückhaltung und Internet: Ein ganzes Bündel statt einer einzigen Ursache

Seit 2022 lasten höhere Kosten und vorsichtigere Verbraucher auf vielen Betrieben. Mieten, Energie, Personal, Finanzierung und Materialbeschaffung entwickeln sich je nach Standort und Vertrag unterschiedlich. Wer große Verkaufsflächen heizt, viel Ware vorfinanzieren muss und gleichzeitig weniger Kunden sieht, spürt diese Mischung besonders stark. Aber aus allgemeinen Kostentrends lässt sich nicht automatisch die Ursache einer konkreten Insolvenz ableiten. Bei Hammer, Hellweg, tedox oder einem Familiengeschäft muss man jeweils die belegten Gründe ansehen.

Beim Onlinehandel lohnt sich dieselbe Vorsicht. Natürlich kaufen Menschen Möbel, Tapeten und Zubehör im Internet. Man kann Farben vergleichen, einen Teppich bestellen oder eine Tapete in wenigen Minuten finden. Doch ein Maß für die Treppe, die richtige Untergrundvorbereitung oder eine Gardine mit Sondermaß lässt sich nicht so einfach durch einen Produktfilter ersetzen. Außerdem wächst der Onlinehandel nicht in jeder Warengruppe gleich stark. „Alles wandert ins Internet“ klingt griffig, erklärt aber weder die sehr unterschiedlichen Absatzdaten noch sämtliche Ladenschließungen.

Person plant Farbgestaltung mit einem Stift und Farbkarte auf einem Tisch
Farbmuster, Planung und Beratung bleiben ein möglicher Vorteil spezialisierter Fachgeschäfte. Symbolbild: Kelly Sikkema / Unsplash.

Ich halte einen anderen Punkt für mindestens genauso wichtig: Während Corona konnten manche Haushalte größere Anschaffungen vorziehen. Wer 2020 das Wohnzimmer renoviert hat, tut das vielleicht 2023 nicht noch einmal. Das ist eine plausible Erklärung für einen Teil des Nachfragerückgangs, aber kein allgemeiner Beweis dafür, dass Händler überall auf dem Boom zu optimistisch geplant haben. Für Aussagen über überfüllte Lager oder Fehlentscheidungen einzelner Unternehmen bräuchten wir deren Geschäftsberichte oder belastbare Aussagen der Insolvenzverwalter.

Verlieren die Kunden mit den Fachmärkten auch Dienstleistungen?

Wer nur den nächsten Farbeimer oder eine Rolle Raufaser braucht, findet schnell eine Alternative. Worauf es bei der Beratung und bei der Wahl der richtigen Farbe ankommt, habe ich übrigens schon in meinem Beitrag über Wandfarbe im Fachmarkt und im Baumarkt beschrieben. Anders sieht es aus, wenn es um einen komplizierten Boden, ein zugeschnittenes Plissee, Gardinen nach Maß, die passende Tapete für einen schwierigen Untergrund oder die Verlegung geht. Manche Fachgeschäfte verbinden Handel mit Handwerk und persönlichem Wissen. Wenn ein solcher Betrieb schließt, kann in der Region mehr verschwinden als eine Verkaufsfläche.

Bei den größeren Ketten hängt viel davon ab, was der Nachfolger anbietet. Ein übernommener Baumarkt deckt oft ähnliche Produktsortimente ab. Ein mehrteilig genutztes Möbelhaus kann dagegen zwar wieder Käufer anziehen, aber eine andere Art Beratung oder Montage anbieten. Es wäre unfair, pauschal zu behaupten, Discounter hätten keinen Service. Richtig ist: Der konkrete Leistungsumfang unterscheidet sich stark, und die Kunden müssen möglicherweise weitere Wege in Kauf nehmen.

Die Auswirkungen spüren auch Auszubildende, Beschäftigte, Raumausstatter und regionale Lieferanten. Ein wegfallender Ausbildungsplatz lässt sich nicht automatisch durch einen neuen Laden ersetzen. Und eine langjährig aufgebaute Beziehung zwischen Händler und Handwerksbetrieb ist nicht mit dem Wechsel eines Logos ausgetauscht.

Wer eröffnet denn nun wirklich neu – und wer übernimmt nur alte Flächen?

Die Ausgangsfrage dieser Recherche lautete: Werden mehr Einrichtungs- und Renovierungsfachmärkte eröffnet als geschlossen? Darauf gibt es bislang keine seriöse Gesamtzahl, die sämtliche Tapeten-, Farben-, Bodenbelags-, Gardinen- und Möbel-Fachgeschäfte für jedes Jahr von 2019 bis 2026 abdeckt. Die vorhandenen Quellen messen Unterschiedliches: die Zahl umsatzsteuerlich erfasster Unternehmen, Einkaufsverbandsmitglieder, Baumarktstandorte oder nur einzelne Ketten.

Für den gesamten Einzelhandel prognostiziert der Handelsverband Deutschland 2026 ein Netto-Minus von 4.900 Geschäften. Die Neueröffnungen sind darin schon berücksichtigt. Das ist eine Prognose für den gesamten Einzelhandel – keine speziell erhobene Bilanz der Einrichtungsbranche.

Für die Baumärkte lässt sich dagegen eindeutig sagen: Zwischen 2019 und 2025 gingen netto 102 Standorte verloren. POCO eröffnete in jüngerer Zeit neue Häuser. tedox plant nach dem Rückzug anderer Händler weitere Standorte. BAUHAUS, Hornbach und OBI übernehmen teils frühere Hellweg-Märkte. Und bei Heimtex Nord werden einstige Hammer-Flächen weitergenutzt. Das sind unterschiedliche Vorgänge, und sie dürfen bei der Bilanz nicht einfach als gleichwertige „Neueröffnungen“ zusammengezählt werden.

Was die nächsten Jahre entscheiden wird

Der Einrichtungsmarkt wird nicht verschwinden. Menschen brauchen weiterhin Bodenbeläge, Farben, Sonnenschutz, Gardinen und Möbel. Aber wie und wo sie kaufen, verschiebt sich. Große Anbieter können Flächen übernehmen, gemeinsame Einkaufsstrukturen nutzen und Sortiment sowie Preise über viele Märkte verteilen. Kleinere Fachbetriebe können mit Nähe, Beratung, Spezialwissen und Ausführung punkten. Beides kann funktionieren. Nur für jedes bisherige Geschäft wird vermutlich kein Platz bleiben.

Für die Entwicklung in NRW wird es besonders interessant sein, was im November 2026 aus den noch nicht übernommenen Hellweg-Märkten wird und welche früheren Hammer-Flächen neue Betreiber bekommen. Ebenso wichtig ist die oft leise Frage, die über vielen Traditionsbetrieben steht: Findet jemand eine Nachfolge, bevor die Inhaber das Licht zum letzten Mal ausschalten?

Mein Eindruck nach dieser Recherche ist jedenfalls: Wir sehen keinen einfachen Absturz einer einzigen Branche. Wir erleben eine Neuverteilung von Nachfrage, Flächen und Verantwortung. Ein Geschäft kann verschwinden, obwohl Kunden weiterhin etwas kaufen. Eine Kette kann wachsen und gleichzeitig Filialen schließen. Und ein gut geführtes Fachgeschäft kann ohne Nachfolger oder passende Immobilie trotzdem zu Ende gehen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur, wie viele Läden wir verlieren. Sondern auch, was an ihrer Stelle kommt – und was eben nicht mehr wiederkommt.

Quellen, Abgrenzung und Transparenz

Die wichtigsten Zahlen stammen aus der BHB-Jahrespressekonferenz 2026, dem Statistischen Bundesamt zum Wohnungsbau, der Destatis-Auswertung zum Möbelmarkt sowie aus der Branchenpresse BTH Heimtex und Heimtextilien-Bilanz. Unternehmensfälle wurden soweit möglich mit WDR-Berichterstattung, Unternehmensangaben, Originalmeldungen und lokalen Medien abgeglichen.

Die Beispiele sind eine recherchierte Auswahl, keine Vollerhebung sämtlicher Märkte. Wo für November 2026 und 2027 erst Pläne vorliegen, sind die Ereignisse nicht als vollzogen gezählt. Die Bilder illustrieren allgemeine Aspekte des Themas; sie zeigen keine der konkret genannten Insolvenzen oder Geschäfte. Recherchestand ist der 4. November 2026.

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