Die Wand sieht nach zwei Stunden noch fleckig aus. An einer Stelle ist die Farbe schon matt, an der anderen glänzt sie feucht. Also schnell noch einmal mit der Rolle drüber? Genau das kann den Anstrich am Ende schlechter machen.
Gerade im Herbst wird beim Streichen oft unterschätzt, dass nicht nur die Farbe selbst zählt. Auch die Temperatur im Raum, die Temperatur der Wand und die Luftfeuchtigkeit entscheiden mit darüber, wie gleichmäßig eine Beschichtung trocknet. Und das merkt man manchmal erst, wenn die zweite Schicht längst auf der Wand ist.
Trocken ist nicht gleich durchgetrocknet
Bei vielen wasserbasierten Innenfarben verdunstet zunächst Wasser. Dass die Oberfläche nicht mehr klebt, heißt noch nicht, dass der gesamte Farbfilm schon seine endgültige Festigkeit erreicht hat. Hersteller unterscheiden deshalb zwischen oberflächentrocken, überstreichbar und vollständig durchgetrocknet.
Ein konkretes Beispiel liefert Caparol in den technischen Angaben zu Latex Satin 20: Bei 20 Grad Celsius und 65 Prozent relativer Luftfeuchte nennt der Hersteller etwa vier bis sechs Stunden bis zur Oberflächentrocknung beziehungsweise Überstreichbarkeit; bis zur vollständigen Belastbarkeit dauert es deutlich länger. Bei kühleren Temperaturen und höherer Luftfeuchtigkeit verlängert sich die Zeit. Das sind Produktangaben, keine pauschale Trockenzeit für jede Wandfarbe.
Die kalte Außenwand ist der heimliche Bremsklotz
Im Raum zeigt das Thermometer vielleicht angenehme 19 Grad. Eine schlecht gedämmte Außenwand kann trotzdem deutlich kälter sein. Gerade dort läuft die Trocknung langsamer. Deshalb genügt es nicht, nur auf die Raumluft zu schauen. Der Untergrund muss ebenfalls zu den Verarbeitungsbedingungen passen.
Bei vielen Innenfarben liegt die untere Grenze für Verarbeitung und Trocknung laut technischem Merkblatt bei fünf Grad Celsius für Luft und Untergrund. Das ist eine technische Untergrenze, keine Wohlfühltemperatur fürs Streichen. Wer ein ordentliches Ergebnis möchte, arbeitet besser unter stabilen Bedingungen und beachtet das Datenblatt seiner konkreten Farbe.

Warum feuchte Luft die Sache zusätzlich verzögert
Wenn die Raumluft bereits viel Feuchtigkeit enthält, kann Wasser aus dem frischen Anstrich schlechter abgegeben werden. Das bedeutet nicht, dass du alle Fenster stundenlang aufreißen solltest. Im Oktober kühlt der Raum dadurch schnell aus. Besser ist, den Raum vernünftig zu temperieren und während sowie nach dem Streichen sinnvoll zu lüften.
Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Renovierungsprodukte Stoffe an die Innenraumluft abgeben können. Gute Lüftung ist deshalb nicht nur wegen der Feuchtigkeit sinnvoll. Sie gehört auch zum vernünftigen Umgang mit Farben und anderen Materialien. Welche zusätzlichen Hinweise gelten, steht auf dem Produktetikett und im technischen Merkblatt.
Was ich vor dem zweiten Anstrich prüfen würde
Die Uhr allein ist ein schlechter Ratgeber. Erstens: Was sagt der Hersteller zur Überstreichbarkeit? Zweitens: Ist die Wand überall gleichmäßig trocken oder zeigen sich noch dunkle, feuchte Bereiche? Drittens: War es im Raum während der Trocknung wirklich warm genug? Wenn eine dieser Fragen offenbleibt, würde ich lieber warten.
Wichtig ist außerdem die Untergrundvorbereitung. Staub, lose Altanstriche oder stark unterschiedlich saugende Flächen lassen sich nicht durch eine dritte Farbschicht reparieren. Beim Tapezieren gilt das genauso: In meinem Beitrag über das Entfernen alter Tapeten und die richtige Wandvorbereitung geht es um die Schritte, die vor dem eigentlichen Anstrich liegen.
Wenn Streifen oder Flecken bleiben
Ein fleckiger Zwischenstand muss noch kein misslungener Anstrich sein. Warte zunächst die vorgesehene Trocknungszeit ab. Bleiben dann sichtbare Ansätze, können zu dünner Auftrag, ungleichmäßige Saugfähigkeit, falsches Werkzeug oder ein zu langes Unterbrechen der Arbeit eine Rolle spielen. Größere Flächen möglichst zusammenhängend nass in nass zu rollen, hilft gegen Ansätze – auch darauf weisen Hersteller in ihren Verarbeitungsangaben hin.
Und bitte nicht jede matte oder glänzende Stelle sofort einzeln nachrollen. Solche Nachbesserungen können bei Streiflicht erst recht sichtbar werden. Lieber prüfen, was tatsächlich schiefgelaufen ist, und erst dann die gesamte betroffene Fläche sauber überarbeiten.
Lieber einen Tag später fertig
Das Schöne am Selberstreichen ist ja, dass man den Fortschritt sofort sieht. Der Haken: Die Trocknung hält sich nicht an unseren Zeitplan. Wenn es draußen nass und drinnen kühl ist, kann ein zusätzlicher Abend Geduld das bessere Ergebnis bringen als ein hektischer zweiter Anstrich.
Die genaue Zeit hängt immer von Produkt, Untergrund und Bedingungen ab. Deshalb bleibt das technische Merkblatt der verwendeten Farbe die wichtigste Orientierung. Und eine warme, gut gelüftete Wohnung hilft mehr als die Hoffnung, dass die Wand schon irgendwie trocken sein wird.
Quellen: Caparol – Latex Satin 20, Verarbeitung und Trocknung; Umweltbundesamt – Raum für Raum renovieren. Beitragsbild: Gilberto Peralta Bocio / Unsplash. Inline-Bild: Kayi Pfoze / Unsplash.

Schreibe einen Kommentar