Erst arm, dann reich – und jetzt wieder arm? Kaum eine deutsche Kommune hat in den vergangenen 15 Jahren eine so außergewöhnliche finanzielle Entwicklung erlebt wie Monheim am Rhein. 2011 kam die Stadt gerade aus Jahren der Haushaltssicherung. 2013 feierte sie ihre „Schuldenfreiheit“. 2018 und 2019 nahm die gut 40.000 Einwohner große Stadt jeweils rund 300 Millionen Euro Gewerbesteuer ein. Heute, im September 2026, steckt Monheim wieder in der Haushaltssicherung – und seit dem 19. Juni gilt zusätzlich eine Haushaltssperre.
Die zugespitzte Geschichte „arm – reich – wieder arm“ klingt eingängig. Ganz richtig ist sie aber nicht. Monheim besitzt heute deutlich mehr Sachvermögen als 2011: Schulen, Kitas, Sportanlagen, Straßen, Grundstücke und neue Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Das Problem liegt vor allem an einer inzwischen massiven Schieflage zwischen laufenden Einnahmen und laufenden beziehungsweise bereits eingegangenen Ausgabenverpflichtungen.
Stand dieses Beitrags: 17. September 2026. Geldbeträge sind zur besseren Lesbarkeit überwiegend gerundet. Wo es sich um Prognosen oder Planwerte statt um abgeschlossene Jahresergebnisse handelt, ist das ausdrücklich gekennzeichnet.
Die Entwicklung in einem Satz
2011 hohe Verschuldung und Haushaltssicherung → 2012 radikale Senkung der Gewerbesteuer → 2013 wirtschaftlich schuldenfrei → 2014 bis 2019 enorme Gewerbesteuereinnahmen und hohe Rücklagen → großer Investitionsboom → 2020 erster deutlicher Einnahmeeinbruch und Greensill-Verlust → ab 2022 wieder wachsende Kreditaufnahme → 2023 und 2024 stark steigende Verschuldung → 2024 neues Haushaltssicherungskonzept → 2026 Haushaltssperre.
| Jahr | Was passiert? | Finanzielle Größenordnung |
|---|---|---|
| 2011 | Ausgang aus der Haushaltssicherung, Gewerbesteuer noch 435 % | Gewerbesteuer rund 49 Mio. € |
| 2012 | Hebesatz sinkt auf 300 % | Gewerbesteuer rund 150 Mio. € |
| 2013 | Monheim gilt wirtschaftlich als schuldenfrei | letzte wirtschaftlich relevante Schulden getilgt/gegenfinanziert |
| 2018 | Hebesatz erreicht 250 % | Gewerbesteuer rund 299,4 Mio. € |
| 2019 | Höhepunkt der Einnahmen | Gewerbesteuer rund 304,1 Mio. € |
| 2020 | erster großer Einbruch, Corona und Greensill | Gewerbesteuer rund 167,9 Mio. €; 35 Mio. € Greensill-Abschreibung |
| 2022 | Kreditfinanzierung kehrt zurück | 81,5 Mio. € Investitionskredite am Jahresende |
| 2023 | Schulden steigen stark | 312,2 Mio. € Investitionskredite; Jahresfehlbetrag rund 34 Mio. € |
| 2024 | erneute Haushaltssicherung | 492,2 Mio. € Investitions- plus 110 Mio. € Liquiditätskredite |
| 2025 | Einnahmen besser als zunächst befürchtet, aber deutlich unter den Boomjahren | zuletzt rund 167 Mio. € Gewerbesteuer erwartet |
| 2026 | Haushaltssperre | 140 Mio. € Gewerbesteuer geplant; im Juni selbst dieser Wert gefährdet |
Bevor wir über Schulden reden: Vier Begriffe, die man nicht vermischen darf
Bei Monheim tauchen in Berichten sehr unterschiedliche Schuldenzahlen auf. Das ist nicht automatisch ein Widerspruch. Häufig werden schlicht unterschiedliche Positionen gemeint.
| Begriff | Was bedeutet er? | Ende 2024 im Kernhaushalt |
|---|---|---|
| Investitionskredite | Kredite für langfristige Investitionen, etwa Gebäude und Infrastruktur | 492,2 Mio. € |
| Liquiditätskredite | Kredite zur Sicherung der laufenden Zahlungsfähigkeit | 110,0 Mio. € |
| Bilanzielle Verbindlichkeiten | Umfassen Kredite, aber auch zum Beispiel Liefer- und Transferverbindlichkeiten | 657,6 Mio. € |
| Eigenkapital | Bilanzielle Restgröße aus Vermögen abzüglich Schulden und weiteren Passivpositionen – kein Bankkonto | 430,5 Mio. € |
Auch Begriffe wie Ausgleichsrücklage und allgemeine Rücklage sind bilanzielle Eigenkapitalpositionen. Sie dürfen nicht mit frei verfügbarem Bargeld auf einem Sparkonto verwechselt werden. Ebenso wichtig: Projektkosten einer städtischen Tochtergesellschaft sind nicht automatisch identisch mit Kreditverbindlichkeiten des Kernhaushalts.

2011: Monheim sucht einen Ausweg
2011 ist Monheim finanziell noch weit entfernt von dem Image einer reichen Stadt. Die Kommune kommt aus Jahren der Haushaltssicherung und hat hohe Kreditverbindlichkeiten. Der Gewerbesteuer-Hebesatz liegt seit 2007 bei 435 Prozent.
Im Dezember 2011 kündigt die Stadt einen ungewöhnlichen Kurswechsel an. Statt die Gewerbesteuer zur Haushaltskonsolidierung hoch zu halten, soll der Hebesatz massiv sinken. Die Idee dahinter: Monheim will als Unternehmensstandort attraktiver werden und über eine breitere Steuerbasis am Ende mehr Gewerbesteuer einnehmen.
Die Entscheidung fällt in einer Phase, in der hohe Nachzahlungen aus der Gewerbesteuer den Haushalt bereits deutlich entlasten. Die Stadt kann die Haushaltssicherung verlassen. Damit entsteht überhaupt erst der politische und finanzielle Spielraum für den außergewöhnlichen Schritt.
2012: Der Hebesatz fällt von 435 auf 300 Prozent – und die Einnahmen springen
Zum Jahr 2012 wird der Gewerbesteuer-Hebesatz von 435 auf 300 Prozent gesenkt. Der Einnahmesprung ist spektakulär: 2010 hatte Monheim ungefähr 18 Millionen Euro Gewerbesteuer eingenommen, 2011 rund 49 Millionen und 2012 bereits rund 150 Millionen Euro.
Aber auch hier lohnt ein genauer Blick. Der Anstieg von 2012 bestand nicht ausschließlich aus neu angesiedelten Unternehmen. Nach Angaben der Stadt entfielen etwa 30 Millionen Euro auf Nachzahlungen. Zugleich waren unter den 20 größten Gewerbesteuerzahlern bereits mehrere Unternehmen, die neu in Monheim veranlagt wurden. Das spricht dafür, dass sowohl Sondereffekte als auch die Standortstrategie eine Rolle spielten.
Parallel sinkt die Verschuldung schnell. Die Stadt bezifferte sie Anfang 2012 auf rund 111 Millionen Euro und im Oktober nur noch auf etwa 56 Millionen Euro. Wichtig ist auch hier: Diese öffentlich kommunizierte Gesamtsicht darf nicht ohne Weiteres mit einer einzelnen Bilanzposition wie „Investitionskredite“ gleichgesetzt werden.
2013: Die Stadt feiert ihre „Schuldenfreiheit“

Am 9. Juni 2013 feiert Monheim öffentlich, schuldenfrei zu sein. Die Stadt lässt sogar 1.000 Sondermedaillen mit der Aufschrift „Schuldenfrei – Monheim am Rhein 9.6.2013“ prägen.
Die Formulierung braucht aus heutiger Sicht eine Erläuterung. Der geprüfte Jahresabschluss 2013 bezeichnet Monheim als „wirtschaftlich schuldenfrei“. Ein Investitionskredit von rund 14,4 Millionen Euro bestand noch, ihm stand aber eine gleich hohe Geldanlage gegenüber. Daneben gab es weiterhin kreditähnliche Verpflichtungen, unter anderem aus früheren PPP-Modellen. Wirtschaftlich betrachtet waren die relevanten Schulden damit gedeckt – buchhalterisch war die Passivseite nicht einfach null.
Gerade diese Präzisierung ist wichtig, weil sonst die heutige Verschuldung mit einer zu einfachen Null-Linie verglichen wird.
2014 bis 2019: Die goldenen Jahre des Monheimer Modells

Nach dem ersten Schritt senkt Monheim den Hebesatz weiter: 2014 und 2015 auf 285 Prozent, 2016 auf 265 Prozent, 2017 auf 260 Prozent und ab 2018 auf 250 Prozent. Damit gehört Monheim zu den Kommunen mit besonders niedriger Gewerbesteuer in Nordrhein-Westfalen.
Die Einnahmen erreichen Größenordnungen, die für eine Stadt dieser Größe außergewöhnlich sind. 2018 fließen rund 299,4 Millionen Euro Gewerbesteuer, 2019 rund 304,1 Millionen Euro.
Balken relativ zum Höchstwert 2019. Angaben in Millionen Euro.
* letzte veröffentlichte Erwartung für 2025; ** Ansatz im beschlossenen Haushalt 2026, dessen Erreichen im Juni 2026 bereits in Frage stand.
Brutto bedeutet allerdings nicht netto. Hohe Gewerbesteuereinnahmen erhöhen auch Umlagen. Die Stadt selbst rechnete 2024 vor, dass seit 2012 mehrere Milliarden Euro Gewerbesteuer vereinnahmt wurden, davon aber ein sehr großer Teil über Kreis- und andere Umlagen an andere staatliche Ebenen beziehungsweise kommunale Finanzierungssysteme weiterfloss. Die genauen Quoten hängen vom betrachteten Zeitraum und den jeweiligen Umlagen ab.
Trotzdem bleibt genug Geld in Monheim, um hohe Rücklagen aufzubauen und ein Investitionsprogramm zu starten, das das Stadtbild nachhaltig verändert.
Was Monheim mit dem Geld gemacht hat

Wer nur auf die heutige Kreditverschuldung schaut, übersieht einen wesentlichen Teil der Geschichte. Das Geld ist nicht einfach verschwunden. Monheim hat in großem Stil Sachvermögen geschaffen und bestehende Infrastruktur modernisiert.
- Schulen und Kindertagesstätten
- Sportanlagen und Sporthallen
- Straßen und sonstige Infrastruktur
- Innenstadt- und Quartiersentwicklung
- öffentliche Gebäude
- Kultur- und Freizeitangebote
- kommunale Leistungen und Zuschüsse
Zu den besonders großen Projekten zählen die Kulturraffinerie K714 mit Projektkosten von rund 166 Millionen Euro, der Umbau des Mona Mare mit rund 47 Millionen Euro sowie große Sportstättenprojekte. Für die Achtfach-Sporthalle werden beispielsweise rund 44,5 Millionen Euro genannt.
Auch hier muss man sauber trennen: Die Kulturraffinerie wird beispielsweise von der kommunalen Monheimer Kulturwerke GmbH als Bauherrin umgesetzt. Die Projektkosten dürfen deshalb nicht einfach eins zu eins als „Schulden der Kernstadt“ verbucht werden.
Gleichzeitig ist der zweite Teil der Rechnung entscheidend: Neue Gebäude und Angebote verursachen nach ihrer Fertigstellung laufende Kosten – für Personal, Energie, Reinigung, Unterhaltung, Reparaturen, Abschreibungen und gegebenenfalls Zinsen. Investitionen schaffen Vermögen, aber sie schaffen häufig auch dauerhafte Verpflichtungen.
2020: Der erste große Bruch
2020 fällt die Gewerbesteuer von rund 304 Millionen Euro im Vorjahr auf rund 167,9 Millionen Euro. Die Corona-Pandemie belastet Unternehmen und erschwert zugleich die Haushaltsplanung.
Hinzu kommt die Insolvenz der Greensill Bank. Monheim hatte dort insgesamt rund 38 Millionen Euro angelegt. Im Jahresabschluss 2020 musste die Stadt 35 Millionen Euro davon abschreiben. Der Jahresfehlbetrag 2020 lag bei rund 68,6 Millionen Euro.
Die Stadt kann den Schock damals noch aus ihrem starken Eigenkapital und den aufgebauten finanziellen Puffern abfedern. Doch 2020 zeigt erstmals sehr deutlich, wie stark die Monheimer Finanzkraft von außergewöhnlich hohen Gewerbesteuereinnahmen abhängt.
2021 und 2022: Die Steuer erholt sich – die Kreditfinanzierung kommt zurück
2021 steigen die Gewerbesteuereinnahmen wieder auf rund 265,5 Millionen Euro, 2022 liegen sie bei rund 225,2 Millionen Euro. Das klingt zunächst nach einer Rückkehr zur alten Stärke.
Inzwischen hat Monheim aber ein außergewöhnlich großes Investitionsvolumen aufgebaut. Im Haushalt 2022 wird klar: Für die geplanten Projekte reicht die bisherige Finanzierung aus laufenden Mitteln und Rücklagen nicht mehr. Kredite werden wieder ein regulärer Bestandteil der Finanzierung.
Ende 2022 weist der Kernhaushalt rund 81,5 Millionen Euro Investitionskredite und rund 71,5 Millionen Euro Liquiditätskredite aus. Die Phase der wirtschaftlichen Schuldenfreiheit ist damit vorbei.
2023: Der Schuldenanstieg beschleunigt sich
2023 ist besonders interessant, weil die Gewerbesteuer mit rund 265,9 Millionen Euro noch einmal sehr hoch ausfällt – und der Haushalt trotzdem mit einem Fehlbetrag von rund 34 Millionen Euro schließt.
Gleichzeitig steigen die Investitionskredite des Kernhaushalts von rund 81,5 Millionen Euro Ende 2022 auf rund 312,2 Millionen Euro Ende 2023. Liquiditätskredite liegen Ende 2023 bei 60 Millionen Euro.
Investitionskredite und Liquiditätskredite, in Millionen Euro.
Investition 81,5Liquidität 71,5
Investition 312,2Liquidität 60,0
Investition 492,2Liquidität 110,0
Quelle: Jahresabschlüsse der Stadt Monheim am Rhein; Kernhaushalt.
2024: Der Wendepunkt ist nicht mehr zu übersehen
Für 2024 hatte Monheim zunächst 265 Millionen Euro Gewerbesteuer eingeplant. Im September muss die Stadt diese Erwartung drastisch nach unten korrigieren. Stattdessen werden zeitweise nur noch 171 Millionen Euro erwartet. Im abgeschlossenen Jahr landen die Einnahmen schließlich bei rund 175,0 Millionen Euro.
Die Stadt begründete den Einbruch damals vor allem mit erheblichen Verlusten bei mehreren großen Gewerbesteuerzahlern. Wegen des Steuergeheimnisses lässt sich die Entwicklung einzelner Unternehmen öffentlich nur begrenzt nachvollziehen. Generell gilt aber: Wenn ein kommunaler Haushalt stark von wenigen besonders ertragreichen Unternehmen abhängt, können Gewinne, Verlustverrechnungen, Nachzahlungen und Änderungen der steuerlichen Bemessungsgrundlagen die Einnahmen sehr stark schwanken lassen.
Auf der Ausgabenseite laufen die bereits begonnenen Investitionen und viele laufende Verpflichtungen weiter. Das Ergebnis: 2024 beträgt der Jahresfehlbetrag rund 80,6 Millionen Euro.
Zum 31. Dezember 2024 stehen im Kernhaushalt rund 492,2 Millionen Euro Investitionskredite und 110 Millionen Euro Liquiditätskredite. Zusammen mit weiteren Verpflichtungen weist die Bilanz insgesamt rund 657,6 Millionen Euro Verbindlichkeiten aus. Monheim muss erneut ein Haushaltssicherungskonzept aufstellen – rund elf Jahre nach der öffentlich gefeierten wirtschaftlichen Schuldenfreiheit.
2025: Keine Rückkehr zu den 300-Millionen-Jahren
Für 2025 rechnet die Stadt zunächst mit deutlich niedrigeren Gewerbesteuereinnahmen. Im Laufe des Jahres hellt sich das Bild etwas auf: Statt der zunächst geplanten 137 Millionen Euro erwartet die Verwaltung zuletzt etwa 167 Millionen Euro. Ein Teil der Verbesserung hängt nach Angaben der Stadt mit Nachzahlungen aus früheren Jahren zusammen; zudem werden neue Unternehmensansiedlungen genannt.
Das ist besser als zwischenzeitlich befürchtet, aber weit entfernt von den fast 300 Millionen Euro der Boomjahre. Vor allem löst ein besseres Einzeljahr das strukturelle Problem nicht: Die laufenden Ausgaben und Verpflichtungen sind inzwischen auf einem Niveau angekommen, das dauerhaft sehr hohe Einnahmen voraussetzt.
2026: Aus Haushaltssicherung wird zusätzlich Haushaltssperre
Der erste Entwurf für 2026 ging im Herbst 2025 noch von 150 Millionen Euro Gewerbesteuer aus. Im schließlich vom Rat am 10. Februar 2026 beschlossenen Haushalt wird vorsichtiger mit rund 140 Millionen Euro gerechnet.
Der Ergebnishaushalt zeigt die Dimension der Lücke: Rund 301,5 Millionen Euro Erträge stehen etwa 411,9 Millionen Euro Aufwendungen gegenüber. Haushaltsrechtlich gibt es weitere Ergebnis- und Bilanzmechanismen, doch schon dieser Vergleich zeigt, wie groß die Herausforderung ist.
Am 19. Juni 2026 zieht die Stadt die Notbremse und verhängt mit sofortiger Wirkung eine Haushaltssperre. Die Begründung: Nach der damaligen Gewerbesteuerprognose könnte selbst der bereits abgesenkte Ansatz von rund 140 Millionen Euro verfehlt werden. Nicht zwingend notwendige neue Ausgaben und Verpflichtungen werden eingeschränkt; gesetzlich oder vertraglich gebundene Aufgaben laufen weiter.
Die Haushaltssperre war zunächst bis zum 30. September 2026 befristet. Am 16. September kündigte die Stadt an, dass der Haupt- und Finanzausschuss am 24. September die aktuelle Finanzprognose beraten soll. Dann soll auch bekanntgegeben werden, ob die Sperre fortgeführt wird. Bürgermeisterin Sonja Wienecke erklärte dazu, die finanziellen Risiken seien weiterhin hoch und viele frühere Entscheidungen verursachten heute hohe laufende Kosten. Das ist eine politische Bewertung der aktuellen Stadtspitze – die Zahlen zu den gestiegenen laufenden Verpflichtungen und Krediten zeigen allerdings, warum diese Debatte inzwischen so scharf geführt wird.

Wie konnte aus dem Monheimer Erfolgsmodell diese Lage entstehen?
1. Die Einnahmeseite: extrem stark – aber extrem schwankungsanfällig
Das Monheimer Modell war in seiner ersten Phase in einem messbaren Punkt außerordentlich erfolgreich: Die Gewerbesteuereinnahmen stiegen nach der Hebesatzsenkung in eine für die Stadt zuvor völlig unbekannte Größenordnung. Unternehmen siedelten sich an, während zugleich hohe Gewinne, Nachzahlungen und steuerliche Sondereffekte die Einnahmen verstärkten.
Aber Gewerbesteuer ist keine garantierte Dauerrente. Sie hängt vom steuerpflichtigen Gewerbeertrag der Unternehmen ab. Gewinne können einbrechen. Verlustvorträge wirken in spätere Jahre. Vorauszahlungen werden angepasst. Steuerbescheide können zu Nach- oder Rückzahlungen führen. Und Unternehmen können ihre Struktur oder ihren Standort verändern.
Dass dieses Risiko grundsätzlich existiert, war übrigens schon in den erfolgreichen Jahren bekannt. Bereits 2013 verwies die Stadt in ihren Haushaltsunterlagen darauf, dass Änderungen des Steuerrechts oder Standortentscheidungen großer Steuerzahler erhebliche Folgen haben könnten – während Umlagen zeitversetzt reagieren.
2. Die Ausgabenseite: Aus Investitionen werden dauerhafte Kosten
Gleichzeitig hat Monheim die außergewöhnlichen Einnahmen genutzt, um seine Infrastruktur und sein Leistungsangebot massiv auszubauen. Das hat einen realen Gegenwert geschaffen. Ende 2024 liegt die Bilanzsumme des Kernhaushalts bei rund 1,36 Milliarden Euro; das Eigenkapital beträgt trotz des hohen Jahresverlustes noch rund 430,5 Millionen Euro.
Doch eine neue Schule, eine Sporthalle oder ein Kulturgebäude kostet nicht nur beim Bau Geld. Es folgen Jahrzehnte an Betrieb, Personal, Unterhaltung und Abschreibung. Wenn ein Haushalt in einer Phase außergewöhnlich hoher Einnahmen dauerhaft neue Strukturen aufbaut, kann er diese nicht innerhalb weniger Monate wieder zurückfahren, sobald die Einnahmen sinken.
Ist Monheim also „wieder arm“?
So einfach ist es nicht. 2011 und 2026 sehen auf den ersten Blick ähnlich aus, weil in beiden Phasen Haushaltssicherung und begrenzter finanzieller Spielraum eine Rolle spielen. Die Vermögenslage ist aber eine andere.
Monheim besitzt heute einen erheblichen Bestand an kommunalem Sachvermögen. Ende 2024 stehen im Kernhaushalt rund 1,36 Milliarden Euro Bilanzsumme und rund 430,5 Millionen Euro Eigenkapital. Dem stehen allerdings 657,6 Millionen Euro bilanzielle Verbindlichkeiten gegenüber, darunter 492,2 Millionen Euro Investitions- und 110 Millionen Euro Liquiditätskredite.
Die aktuelle Schieflage ist deshalb weniger eine Geschichte von „kein Vermögen mehr“, sondern eine Geschichte von zu niedrigen laufenden Einnahmen im Verhältnis zu laufenden Kosten, Investitionsverpflichtungen und Schuldendienst.
Ist das Monheimer Modell damit gescheitert?
Auch darauf gibt es keine seriöse Ein-Wort-Antwort. Wer nur auf die Jahre 2012 bis 2019 blickt, sieht eine erstaunliche Erfolgsgeschichte: Die Stadt zog Unternehmen an, vervielfachte zeitweise ihre Gewerbesteuereinnahmen, baute Schulden ab und investierte massiv. Wer nur auf 2024 bis 2026 schaut, sieht hohe Fehlbeträge, stark steigende Kredite, Haushaltssicherung und Haushaltssperre.
Die interessanteste Erkenntnis liegt gerade im Zusammenspiel beider Seiten. Das Niedrigsteuer-Modell ermöglichte über Jahre außergewöhnlich hohe Einnahmen. Auf dieser Basis entstanden neue Infrastruktur, Leistungen und langfristige Verpflichtungen. Als die außergewöhnlich hohen Einnahmen zurückgingen, ließen sich die daraus gewachsenen Kosten nicht im gleichen Tempo reduzieren.
Die Frage für die kommenden Jahre lautet deshalb nicht nur, ob Monheim wieder mehr Gewerbesteuer einnimmt. Entscheidend wird sein, ob die Stadt ihren laufenden Haushalt so umbauen kann, dass er auch bei deutlich niedrigeren und schwankenden Gewerbesteuereinnahmen tragfähig bleibt – ohne das in den Boomjahren geschaffene Vermögen unnötig zu entwerten.
Was jetzt entscheidend wird
- Wie hoch fällt die Gewerbesteuer 2026 tatsächlich aus? Der Haushaltsansatz von 140 Millionen Euro war bereits im Juni gefährdet.
- Wie stark lassen sich laufende Ausgaben reduzieren? Investitionen kann man verschieben; Personal-, Betriebs- und Vertragskosten reagieren deutlich langsamer.
- Welche begonnenen Großprojekte werden fortgeführt, verkleinert oder verschoben?
- Wie entwickelt sich die Kreditverschuldung? Neben der absoluten Summe werden Zins- und Tilgungsbelastung wichtiger.
- Gelingt eine breitere und stabilere Einnahmebasis? Einzelne große Steuerzahler dürfen für die Haushaltsplanung nicht dauerhaft wie eine sichere Konstante behandelt werden.
Mein Fazit
Monheims Finanzgeschichte seit 2011 ist weder die einfache Geschichte eines finanzpolitischen Wunders noch die eines plötzlich gescheiterten Experiments. Sie zeigt vielmehr, wie mächtig – und wie riskant – ein kommunaler Haushalt werden kann, wenn außergewöhnlich hohe, aber schwankende Steuereinnahmen auf langfristige Investitions- und Ausgabenentscheidungen treffen.
Die Gewerbesteuersenkung war der Ausgangspunkt eines bemerkenswerten Aufschwungs. Die Stadt wurde wirtschaftlich schuldenfrei, baute Rücklagen und Vermögen auf und investierte in einem Umfang, den sich vergleichbare Kommunen kaum leisten konnten. Heute ist vieles davon noch sichtbar und bilanziell vorhanden.
Gleichzeitig zeigt die Entwicklung seit 2020, dass ein Haushalt nicht dauerhaft auf Einnahmen in Ausnahmehöhe bauen kann. Monheims eigentliche Herausforderung im Jahr 2026 ist deshalb nicht, dass die Stadt „wieder arm“ wäre. Es ist die Aufgabe, eine sehr groß gewordene kommunale Struktur wieder an ein deutlich niedrigeres und unsichereres Einnahmeniveau anzupassen.
Quellen und Methodik
Für die Jahreszahlen und die aktuelle Lage wurden vor allem Haushaltspläne, Jahresabschlüsse, Chroniken und Mitteilungen der Stadt Monheim am Rhein ausgewertet. Zentrale Quellen:
- Stadt Monheim am Rhein: Haushaltspläne und Jahresabschlüsse
- Stadt Monheim am Rhein: Gewerbesteuer-Hebesätze
- Stadt Monheim am Rhein: Gewerbesteuerentwicklung 2010–2012
- Jahresabschluss 2024
- Chronik 2024: Einbruch der Gewerbesteuer und Konsolidierung
- Entwurf Haushalt 2026 und Prognose 2025
- Haushaltssperre vom 19. Juni 2026
- Finanzprognose / Stand 16. September 2026
Hinweis zu den Schuldenzahlen: Soweit nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich die genannten Kredit- und Bilanzwerte 2022 bis 2024 auf den Kernhaushalt der Stadt. Investitionskredite, Liquiditätskredite, gesamte bilanzielle Verbindlichkeiten und Verpflichtungen kommunaler Tochtergesellschaften sind unterschiedliche Größen und wurden deshalb nicht miteinander vermischt.

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