Severinsmarkt Kamen: Vom Kirmesaufbau zu 680 Jahren Geschichte

Noch geschlossener Grab-a-Toy-Spielstand beim Aufbau des Severinsmarkts 2026 in Kamen

Die Rollläden sind noch heruntergelassen. Auf dem Pflaster ist es nass, vor den bunten Buden bleibt ungewöhnlich viel Platz. Nur die grellen Farben lassen schon erahnen, wie es hier in wenigen Tagen aussehen wird. Ich habe mir den Aufbau des Severinsmarkts in Kamen angesehen und ein paar Fotos gemacht – bevor Lichter, Musik und der Duft von gebrannten Mandeln die Innenstadt übernehmen.

Auf einem der Wagen leuchtet ein fast unwirkliches Grün, daneben stehen Spielgeschäfte mit bunten Figuren. Der Markt wirkt noch ein bisschen wie eine Bühne vor der Vorstellung. Und ausgerechnet in diesem Moment, wenn alles noch unfertig ist, wird deutlich: Hinter dieser Kirmes steckt sehr viel mehr Geschichte, als man beim schnellen Rundgang vielleicht vermutet.

Eine Kirmes, die schon 1346 in einer Urkunde stand

Die Spur führt bis zum 4. Juli 1346. An diesem Tag bestätigte Graf Adolf II. von der Mark den Kamener Bürgern das Recht, zwei Jahrmärkte abzuhalten: einen um Pfingsten und einen zum Gedenktag des heiligen Severin am 23. Oktober. Damit ist der Severinsmarkt 2026 seit genau 680 Jahren urkundlich belegt. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Kirmes 680 Jahre lang ohne Unterbrechung stattgefunden hat.

Die alte Regelung war bemerkenswert. Am Markttag und während der jeweils drei Tage davor und danach galt eine besondere Marktfreiheit. Schulden sollten in diesem Zeitraum grundsätzlich nicht zum Anlass für bestimmte Pfändungen oder Festsetzungen werden. Heute klingt das ziemlich fremd. Im Mittelalter half eine solche Zusicherung, Händler und Besucher in die Stadt zu locken. Ein Jahrmarkt war eben gleichzeitig Fest, Handelsplatz und Wirtschaftsfaktor.

Die besonders ausführliche historische Aufarbeitung des Kamener Autors Klaus Holzer für den Kultur Kreis Kamen beschreibt auch, dass weitere Urkunden von 1393 und 1432 die Markttradition veränderten. Schon damals waren die Termine also keineswegs für alle Zeiten festgeschrieben.

Was Severin mit der Pauluskirche zu tun hat

Der Name geht auf den heiligen Severin zurück, den früheren Patron der Kamener Kirche. Diese Kirche hieß einst St. Severin und ist heute als Pauluskirche bekannt. Die kirchliche Herkunft steckt übrigens schon im Wort Kirmes: Aus der Kirchmesse wurde im Laufe der Zeit die Kirmes.

Wahrscheinlich fanden frühe Feiern im Umfeld der Kirche und der alten Grafenburg statt. Mit dem Wachstum der Stadt verlagerte sich das Geschehen auf den größeren Marktplatz. Das passte zum mittelalterlichen Kamen, dessen Bürger und Kaufleute selbstbewusster wurden. Kamener Hansekaufleute waren weit über Westfalen hinaus unterwegs; Märkte waren Orte, an denen nicht nur Waren ankamen, sondern auch Nachrichten und Geschichten aus anderen Gegenden.

Ferkel auf dem Markt, eine Straßenbahn und neue Attraktionen

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie stark sich der Severinsmarkt immer wieder verändert hat. Über Jahrhunderte gehörte der Viehhandel dazu. Es gab Märkte mit Schweinen und Ferkeln, und noch 1959 wurde in Kamen ein letzter Ferkelmarkt abgehalten. Nach der historischen Darstellung kam damals nur noch ein Händler – ohne ein einziges Tier zu verkaufen.

Später bestimmten andere Dinge das Bild: Schiffschaukeln, Schaubuden, Losstände und schließlich immer modernere Fahrgeschäfte. Um 1907 gehörte sogar ein Kinematograph, also eine frühe Filmvorführung, zu den Attraktionen rund um die Kamener Kirmes. In den Zeitungen war zugleich von Konzerten und großen Kirmesbällen die Rede. 1911 feierte man offenbar bis tief in die Nacht hinein.

Kaum vorstellbar ist heute ein anderes Detail: Bis 1950 fuhr die Straßenbahn quer über den Kamener Marktplatz. Auch während der Kirmes musste sie sich durch das Gedränge bewegen. Da dürfte es gelegentlich recht eng geworden sein.

Leuchtend grüner Schaustellerwagen mit Blumenmotiven beim Aufbau des Severinsmarkts in Kamen
Viel Farbe, noch wenig Betrieb: Dieser Wagen wartet noch auf den Start. Foto: Stefan Jäkel, Oktober 2026.

Auch eine alte Tradition hatte ihre Unterbrechungen

Der Zweite Weltkrieg brachte einen tiefen Einschnitt. Nach der historischen Rekonstruktion wurde die Kirmes 1948 wieder aufgenommen. Später sorgten große Umbauten in der Kamener Innenstadt dafür, dass die Schausteller mehrfach andere Flächen nutzen mussten. Der Schützenhofplatz, der heutige Willy-Brandt-Platz und zeitweise der Edelkirchenhof spielen in dieser Geschichte eine Rolle.

Besonders schön finde ich, wie sich selbst der Name durch die Jahrzehnte zog. 1950 war wieder von der St.-Severinskirmes die Rede. Den heute geläufigen Namen Severinsmarkt beschloss der Hauptausschuss der Stadt Kamen schließlich am 20. Oktober 1983. Manchmal holt eine Stadt ihre Geschichte eben erst wieder hervor, wenn sie schon beinahe in Vergessenheit geraten ist.

Vier Tage Kirmes – und hinter den Kulissen ist noch einiges zu tun

Jetzt, im Oktober 2026, stehen auf dem Alten Markt wieder die Buden. Auf meinen Fotos sieht man vor allem die Vorbereitungen: geschlossene Spielstände, geschmückte Wagen und noch viel freie Fläche zwischen den Geschäften. Das ist nicht der fertige Severinsmarkt – genau deshalb zeigen die Bilder eine Seite, die später kaum noch auffällt.

Laut aktueller Mitteilung der Stadt Kamen vom 9. Oktober beteiligen sich diesmal rund 40 Schaustellerinnen und Schausteller. Angekündigt sind unter anderem Autoscooter, Musik-Express, Twister und drei Kinderkarussells. Dazu kommen Greifer, Entenangeln, Ball- und Pfeilwerfen, Schießwagen sowie zahlreiche Essensstände. Neben Pommes und Bratwurst soll es beispielsweise Nudeln aus dem Käselaib, Asia-Nudeln, Churros und Crêpes geben.

Der Severinsmarkt beginnt am Freitag, 16. Oktober. Um 15 Uhr ist die offizielle Eröffnung, zu der die Stadt 15 Minuten Freifahrten ankündigt. Von Freitag bis Sonntag gelten laut aktueller Pressemitteilung Öffnungszeiten von 14.30 bis 23 Uhr, am Montag von 14.30 bis 21 Uhr. Der Montag, 19. Oktober, ist außerdem Familientag mit ermäßigten Preisen an Fahr- und Spielgeschäften.

Die aktuellen Daten, den genauen Standort und weitere Besuchsinformationen findest du im Severinsmarkt-Veranstaltungseintrag bei Freunde-Forum. Wer vor allem die Uhrzeiten sucht, findet sie auch in meinem separaten Terminüberblick.

Vom stillen Aufbau zum vertrauten Kirmesgefühl

Ich mag diesen Kontrast. Während des Aufbaus ist der Platz noch beinahe still, ein paar Tage später wird hier geschaut, gefahren, gelacht und wahrscheinlich auch wieder lange an einem Imbissstand überlegt, was es denn sein soll. Aus einem ganz normalen Stück Innenstadt wird für vier Tage ein Rummelplatz.

Und irgendwo zwischen modernen Spielbuden und alten Hausfassaden steckt dann tatsächlich noch etwas von jenem Markt, den Kamener Kaufleute schon im 14. Jahrhundert kannten. Natürlich nicht mehr mit Ferkeln und fahrenden Händlern in mittelalterlicher Kleidung. Aber immer noch als Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Vielleicht ist gerade das die Tradition, die am längsten geblieben ist.

Quellen und weitere Hintergründe: Stadt Kamen, Pressemitteilung vom 9.10.2026; Klaus Holzer: Die Severinskirmes in Kamen, Kultur Kreis Kamen (2023). Fotografien vom Aufbau: Stefan Jäkel, Oktober 2026.

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