Tabaksteuer rauf: Mehr Einnahmen – oder mehr Geschäfte für den Schwarzmarkt?

Zigarette in einem Aschenbecher als Symbolbild zur Tabaksteuer

Ein paar Euro mehr für eine Schachtel Zigaretten. Für die Bundesregierung klingt das nach zusätzlichen Milliarden im Haushalt. Für Menschen, die weiter rauchen, ist es zunächst einmal eine weitere Rechnung, die bezahlt werden muss. Und wer an den Grenzen zu Polen, Tschechien oder Luxemburg wohnt, wird sich womöglich noch häufiger fragen, wo er seine Zigaretten kauft.

Am 15. Oktober 2026 hat der Bundestag die nächste große Tabaksteuererhöhung beschlossen. Ab 2027 sollen die Abgaben über vier Jahre in mehreren Stufen steigen. Das Gesetz muss das parlamentarische Verfahren noch vollständig durchlaufen. Bemerkenswert ist, wie sehr die erhofften Einnahmen schon jetzt im Mittelpunkt stehen.

Erst 756 Millionen, dann plötzlich doppelt so viel

Im ursprünglichen Gesetzentwurf rechnete die Regierung für 2027 mit rund 756 Millionen Euro zusätzlichen Steuereinnahmen. Nach den Änderungen durch die Koalitionsfraktionen sollen es rund 1,5 Milliarden Euro sein. Für 2030 werden jährlich rund 4,46 Milliarden Euro mehr veranschlagt. Die von der Regierung kalkulierten Mehreinnahmen für 2027 bis 2030 summieren sich auf ungefähr 11,7 Milliarden Euro. Das dokumentiert der Deutsche Bundestag.

Eine Packung mit 20 Zigaretten könnte bis zum Ende dieses Zeitraums im Durchschnitt knapp zwölf Euro kosten. Auch Feinschnitt und andere Tabakprodukte werden höher besteuert. Ob die Unternehmen die Belastungen eins zu eins weitergeben, hängt allerdings von ihrer Preisgestaltung ab.

Euro-Banknoten als Symbolbild für staatliche Steuereinnahmen
Symbolbild: Euro-Banknoten. Foto: Maxim Hopman / Unsplash.

Der Schwarzmarkt verschwindet nicht, nur weil der Preis steigt

Die Rechnung des Staates funktioniert nur, wenn ausreichend viele Zigaretten auch künftig regulär in Deutschland versteuert werden. Genau hier setzen die Einwände an: Mit steigenden Preisen wächst der Anreiz, billigere Ware im Ausland zu kaufen. Und es entsteht ein größerer Preisabstand, den illegale Händler ausnutzen können.

Das ist keine reine Vermutung ohne Zahlen. Nach einer vom Tabaksektor beauftragten KPMG-Untersuchung wurden 2025 schätzungsweise 12,48 Milliarden Zigaretten konsumiert, die nicht in Deutschland versteuert waren. Aber Vorsicht: Der größte Teil davon entfiel auf rechtmäßige Auslandseinkäufe oder Duty-free-Ware. Als tatsächlich geschmuggelt oder gefälscht wurden rund 1,91 Milliarden Zigaretten eingeordnet; das entsprach etwa 2,5 Prozent des deutschen Marktes. Die methodisch branchennahe Schätzung erläutert der Deutsche Zigarettenverband.

Legale Auslandsware ist also nicht dasselbe wie Schmuggel. Trotzdem zeigen beide Entwicklungen, dass die Preisunterschiede längst Konsequenzen haben. Auch die Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft warnte in der parlamentarischen Anhörung, dass zusätzliche Einnahmen nur erreichbar seien, wenn der legale Markt stabil bleibe und illegale Vertriebswege begrenzt würden.

Ob der Staat am Ende tatsächlich weniger Tabaksteuer einnimmt, lässt sich heute nicht seriös behaupten. Eine höhere Steuer pro Packung kann sinkende Verkaufszahlen zunächst ausgleichen. Doch je mehr Käufe aus dem regulären Markt abwandern, desto unsicherer wird die Rechnung. Genau diese Risiken verdienen eine ehrliche Bewertung, bevor die erwarteten Milliarden schon fest verplant werden.

Geht es um Gesundheit – oder darum, Haushaltslöcher zu schließen?

Die Regierung beruft sich auf beides. In ihrer eigenen Begründung nennt sie die Erhöhung ausdrücklich als Maßnahme zur Haushaltskonsolidierung. Gleichzeitig verweist sie auf den Gesundheitsschutz und das Ziel, dass weniger Menschen rauchen. Das ist keine Interpretation, sondern steht in den Erläuterungen des Finanzministeriums.

Es ist durchaus plausibel, dass höhere Preise Menschen vom Rauchen abhalten. Darauf weisen das Deutsche Krebsforschungszentrum und die AOK hin. Weniger Tabakkonsum könnte außerdem hohe Folgekosten im Gesundheitswesen vermeiden. Daraus folgt aber noch nicht, dass jede Höhe und jedes Tempo einer Steuererhöhung gleichermaßen gut gewählt sind.

Für die Glaubwürdigkeit der Politik entsteht eine unangenehme Spannung: Wenn der Staat mit immer höheren Tabaksteuereinnahmen plant, sollte er zugleich erklären, was geschieht, falls tatsächlich deutlich weniger geraucht und gekauft wird. Der gesundheitspolitische Erfolg würde dann ausgerechnet die Einnahmeerwartung schwächen. Wie tragfähig ist eine Haushaltsplanung, die auf beides gleichzeitig setzt?

Merz hatte Steuererhöhungen ausgeschlossen

Besonders interessant ist der Blick zurück auf den 31. August 2025. Friedrich Merz erklärte im ZDF-Sommerinterview, die Koalition habe sich darauf verständigt, dass die Steuern nicht erhöht werden. Der Koalitionsvertrag gelte, sagte er damals. Zugleich enthielt der Vertrag selbst nach dem ZDF-Faktencheck kein ausdrücklich formuliertes generelles Verbot von Steuererhöhungen.

Jetzt beschließt die von ihm geführte Koalition höhere Verbrauchsteuern auf Tabak. Man kann einwenden, dass eine solche Lenkungssteuer anders wirkt als etwa eine Erhöhung der Einkommensteuer. Für die Betroffenen bleibt die zusätzliche Belastung dennoch eine Steuererhöhung. An einem so weit gefassten politischen Versprechen muss sich ein Kanzler messen lassen.

War der Bundestag bei der späten Abstimmung überhaupt beschlussfähig?

Die Abstimmung war für den späten Donnerstagabend vorgesehen. Bei einer nächtlichen Sitzung kann der Blick in einen nur teilweise besetzten Saal schnell Zweifel wecken. Die rechtliche Frage ist aber etwas genauer: Nach § 45 der Geschäftsordnung des Bundestages ist das Parlament beschlussfähig, wenn mehr als die Hälfte seiner Mitglieder anwesend ist. Bei 630 Abgeordneten wären das mindestens 316.

Aus der offiziellen Beschlussmeldung geht hervor, welche Fraktionen dafür und dagegen stimmten. Eine belastbare Anwesenheitszahl wird darin jedoch nicht genannt. Daher lässt sich anhand dieser Meldung weder nachweisen, dass mindestens 316 Abgeordnete im Saal waren, noch, dass sie fehlten. Die Geschäftsordnung sieht für eine angezweifelte Beschlussfähigkeit ein geregeltes Verfahren zur Feststellung durch Zählung vor. Eine bloß geringe sichtbare Besetzung belegt deshalb noch keinen unwirksamen Beschluss.

Für eine abschließende Prüfung braucht es das vollständige Plenarprotokoll beziehungsweise die Aufzeichnung des konkreten Abstimmungsvorgangs. Bis dahin bleibt diese Frage offen – und sollte auch so bezeichnet werden.

Eine Frage des Vertrauens

Dass Rauchen der Gesundheit schadet, wird kaum ernsthaft bestritten. Streit gibt es darüber, ob diese konkrete Erhöhung die richtigen Anreize setzt, welche Folgen sie für den legalen Handel hat und wie realistisch die Einnahmeerwartungen sind.

Der Fiskus erwartet Milliarden. Die Zollgewerkschaft mahnt einen funktionierenden Vollzug an. Gesundheitsfachleute verweisen auf weniger Konsum. Und Verbraucher wägen am Ende ihre ganz persönlichen Ausgaben ab. Zwischen all diesen Rechnungen sollte die Politik eines nicht vergessen: Wer höhere Steuern beschließt, muss nicht nur die erwarteten Einnahmen erklären, sondern auch die Risiken und die eigenen früheren Zusagen.

Beitragsbild (Symbolfoto): Julia Engel / Unsplash. Stand der Recherche: 16. Oktober 2026. Angaben zu Steuereinnahmen sind Regierungsprognosen; die genannten Marktanteile stammen aus einer branchenfinanzierten Schätzung.

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