52 Minuten. So lange musste es dauern, bis Borussia Dortmund in Bodø offenbar begriff, dass hier gerade ein Champions-League-Spiel verloren geht. Fredrik Sjøvold hatte die Norweger in Führung gebracht, und plötzlich war da etwas, das vorher schmerzlich gefehlt hatte: Bewegung, Entschlossenheit, Druck nach vorne. Die Frage ist nur: Warum erst jetzt?
Dieses 0:1 beim FK Bodø/Glimt am Mittwochabend, dem 14. Oktober 2026, ärgert mich mehr als so manche deutlichere Niederlage. Nicht, weil ein Auswärtssieg nördlich des Polarkreises selbstverständlich gewesen wäre. Im Gegenteil. Bodø ist längst kein kleines Fußballmärchen mehr, das sich über seine eigene Teilnahme freuen muss. Die Mannschaft kann richtig gut Fußball spielen. Aber Dortmund hat zu lange zugesehen.
Das Gegentor war fast schon eine logische Folge
Es war kalt, windig, der Kunstrasen ungewohnt. Alles richtig. Nur: Beide Mannschaften standen auf demselben Platz. Die Norweger wirkten von Beginn an wacher. Sie gingen in Zweikämpfe, kombinierten mit Selbstvertrauen und hatten bereits in der ersten halben Stunde gute Gelegenheiten. In den ersten 35 Minuten standen laut BVB-Spielbericht fünf Torschüsse der Gastgeber einem einzigen Dortmunder Versuch gegenüber.
Gregor Kobel musste unmittelbar nach der Pause retten. Wenige Minuten später funktionierte das nicht mehr. Bodø spielte sich mit einer schnellen Kombination durch, Sjøvold schloss nach Zuspiel von Sondre Auklend in der 52. Minute ab. 1:0. Verdient. Und genau das macht diesen Moment so bitter: Es war kein absurder Zufall, kein unglücklicher Sonntagsschuss und auch keine große Schiedsrichtergeschichte. Die Führung hatte sich angekündigt.
Wer für Borussia mitfiebert, muss nicht verlangen, dass jedes Spiel gewonnen wird. Aber man möchte wenigstens erkennen, dass die Mannschaft von der ersten Minute an alles dafür versucht. Daran fehlte es zu lange.
Und dann zeigte der BVB plötzlich, dass er es kann
Nach einer Stunde wechselte Niko Kovač gleich viermal. Serhou Guirassy, Felix Nmecha, Ethan Nwaneri und Julian Ryerson kamen. Auf einmal war Dortmund präsent. Nmecha zwang Torhüter Nikita Haikin zu einer starken Parade, Guirassy kam dem Ausgleich gefährlich nahe. Später vergaben Nwaneri und erneut Nmecha weitere Möglichkeiten. Bis in die Nachspielzeit hinein bestand die Chance auf das 1:1.
Das macht Hoffnung. Und es macht wütend. Denn diese Schlussphase zeigte, dass Borussia durchaus Mittel hatte, den Gegner unter Druck zu setzen. Bloß waren bereits rund zwei Drittel der Spielzeit verloren. Fußball lässt sich nicht einfach einschalten wie eine Lampe, wenn das Ergebnis plötzlich nicht mehr passt.
Im offiziellen Nachbericht sprach Kovač selbst von fehlender Leidenschaft und Intensität. Kapitän Waldemar Anton beschrieb, dass Dortmund immer wieder einen Schritt zu spät gewesen sei. Bemerkenswert ist, dass Mannschaft und Trainer das Problem damit ziemlich klar benannten. Jetzt müssen sie es auch abstellen.
Rotation erklärt einiges. Entschuldigen kann sie nicht alles.
Kovač hatte die Startelf auf fünf Positionen verändert. Bei diesem dichten Programm und den Reisestrapazen lässt sich das durchaus nachvollziehen. Auch der Trainer muss Spieler schützen, Kräfte verteilen und Alternativen eine Chance geben. Nur braucht es dann auf dem Platz eine Mannschaft, die trotzdem als Mannschaft funktioniert. Das gelang diesmal nicht.
Die Erinnerung an das jüngste 2:2 gegen Werder Bremen macht die Sache nicht angenehmer. Dort gab Borussia eine 2:0-Führung noch aus der Hand. Jetzt in Norwegen kam sie überhaupt erst spät in Schwung. Zwei Spiele, unterschiedliche Verläufe – und doch bleibt in beiden Fällen dieses Gefühl, dass Dortmund sich um etwas gebracht hat.
Gerade deshalb sollte man den Gegner nicht kleinreden. Bodø/Glimt hatte dem BVB schon beim 2:2 in Dortmund im Dezember 2025 gezeigt, wie unangenehm diese Mannschaft ist. Wer nach Norwegen reist und glaubt, der große Name werde das schon richten, hat sich mit diesem Verein nicht ernsthaft beschäftigt. Respekt vor Bodø bedeutet aber nicht, Dortmunder Passivität hinzunehmen.

Borussia ist mehr als ein Ergebnis auf der Anzeigetafel
Vielleicht trifft diese Niederlage deshalb einen Nerv, weil es beim BVB immer um mehr geht als bloß um drei Punkte. Dieser Verein lebt von Emotionen. Von Menschen, die auch nach bitteren Abenden noch an ihre Mannschaft glauben. Von dem Wunsch, dass auf dem Rasen dieselbe Haltung zu sehen ist, mit der Fans Woche für Woche hinter Schwarzgelb stehen.
Niemand kann neunzig Minuten lang perfekt spielen. Fehler gehören dazu. Ein verlorener Zweikampf, eine vergebene Chance, selbst ein verdienter Rückstand – all das lässt sich akzeptieren. Was schwerer zu schlucken ist, ist diese seltsame Zurückhaltung, während der Gegner längst begriffen hat, worum es geht.
Am 9. September hatte Borussia beim 3:2 gegen Villarreal gezeigt, wie viel Leidenschaft und Widerstandskraft in ihr stecken können. Das war ein anderer Abend, ein anderer Gegner. Trotzdem bleibt die Erinnerung daran, was diese Mannschaft auslösen kann, wenn sie wirklich im Spiel ist.
Nach dem 0:1 von Bodø möchte ich deshalb nicht über den Untergang des BVB sprechen. Dazu ist die Saison zu jung und die Mannschaft zu gut. Aber Schönreden hilft auch nicht. Eine ehrliche Reaktion im nächsten Spiel wäre mehr wert als jede wortreiche Erklärung.
Schwarzgelb bleibt schwarzgelb. Auch nach einem Abend, den man am liebsten aus dem Kopf streichen würde. Vielleicht sogar gerade dann. Aber die Geduld der Fans sollte man nicht mit der Bereitschaft verwechseln, fehlenden Einsatz einfach hinzunehmen.
Es darf verloren werden. Nur bitte nicht so.
Spielinformationen: offizieller BVB-Spielbericht und Sportschau. Der Text ist ein persönlicher Kommentar.

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