Warum ist Strom in Deutschland so teuer? Ein Blick auf Preise, Energiewende, Netze und politische Entscheidungen

Infografik zu hohen Strompreisen in Deutschland im Weltvergleich

Deutschland will Verkehr, Heizung und Industrie zunehmend elektrifizieren. Gleichzeitig bezahlen deutsche Haushalte für Strom Preise, die im europäischen und internationalen Vergleich außergewöhnlich hoch sind. Wie passt das zusammen?

Die einfache Antwort lautet: gar nicht besonders gut.

Wer sich allerdings ernsthaft mit den deutschen Strompreisen beschäftigt, merkt schnell, dass die oft gehörten Erklärungen zu kurz greifen. Weder sind einfach „die Erneuerbaren schuld“, noch lässt sich der gesamte Preisunterschied mit dem Atomausstieg erklären. Auch die Behauptung, Deutschland müsse ständig Strom importieren, weil im eigenen Land nicht genug produziert werde, führt in die Irre.

Die Wahrheit ist komplizierter – und gerade deshalb politisch interessant.

Deutschland ist tatsächlich ein Strom-Hochpreisland

Beginnen wir mit den Zahlen.

Nach Angaben von Eurostat kostete Strom für einen typischen Haushalt mit einem Jahresverbrauch zwischen 2.500 und 5.000 Kilowattstunden im ersten Halbjahr 2025 in Deutschland durchschnittlich 38,35 Cent pro Kilowattstunde.

Der Durchschnitt innerhalb der Europäischen Union lag im gleichen Zeitraum bei 28,72 Cent pro Kilowattstunde.

Damit hatte Deutschland laut Eurostat im ersten Halbjahr 2025 den höchsten Haushaltsstrompreis innerhalb der EU. Dahinter folgten Belgien mit 35,71 Cent und Dänemark mit 34,85 Cent pro Kilowattstunde.

Auch die neueren Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen keine grundsätzliche Entspannung. Über alle Haushaltsverbrauchsklassen hinweg zahlten private Verbraucher in Deutschland im zweiten Halbjahr 2025 durchschnittlich 40,55 Cent pro Kilowattstunde.

Zum Vergleich: Im zweiten Halbjahr 2021, also vor der europäischen Energiekrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine, lag der durchschnittliche deutsche Haushaltsstrompreis noch deutlich niedriger. Ende 2025 war Strom nach Angaben von Destatis noch immer rund 23 Prozent teurer als im zweiten Halbjahr 2021.

Wie sieht Deutschland im weltweiten Vergleich aus?

Ein weltweiter Strompreisvergleich ist schwieriger als ein Vergleich innerhalb der EU. Wechselkurse, Kaufkraft, staatliche Subventionen, unterschiedliche Verbrauchsmengen und teilweise regulierte Strompreise verzerren das Bild erheblich.

Trotzdem zeigt ein internationaler Vergleich von Haushaltsstrompreisen für Dezember 2025 sehr deutlich, in welcher Größenordnung sich Deutschland bewegt.

Land Haushaltsstrompreis
Deutschland ca. 40,4 US-Cent/kWh
Frankreich ca. 27,3 US-Cent/kWh
USA ca. 20,3 US-Cent/kWh
China ca. 7,9 US-Cent/kWh
Indien ca. 7,1 US-Cent/kWh
Weltweiter Durchschnitt ca. 17,6 US-Cent/kWh
Internationaler Vergleich auf Basis nominaler Endkundenpreise. Wegen unterschiedlicher Kaufkraft, Subventionen und Tarifmodelle sind die Werte nur eingeschränkt direkt vergleichbar.

Deutschland lag in dieser Betrachtung also bei mehr als dem Doppelten des weltweiten Durchschnitts und ungefähr beim Doppelten des US-amerikanischen Haushaltsstrompreises.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ein deutscher Haushalt automatisch eine fünfmal höhere finanzielle Belastung als ein Haushalt in China oder Indien hat. Dafür müsste man Einkommen und Kaufkraft berücksichtigen. Ein solcher nominaler Vergleich zeigt aber sehr wohl, dass Strom in Deutschland international zu den besonders teuren Konsumgütern seiner Art gehört.

Aber warum kostet Strom in Deutschland rund 40 Cent?

Hier wird es interessant.

Denn der Strom, der an der Börse gehandelt wird, kostet keineswegs 40 Cent pro Kilowattstunde.

Der durchschnittliche Day-Ahead-Großhandelspreis lag 2025 nach Angaben der Bundesnetzagentur bei rund 89,32 Euro pro Megawattstunde. Das entspricht ungefähr 8,93 Cent pro Kilowattstunde.

Natürlich kann man diesen Börsenpreis nicht einfach mit dem Endkundenpreis vergleichen. Stromversorger kaufen langfristig ein, sichern Preise ab, müssen Lastprofile ausgleichen, Vertrieb finanzieren und tragen wirtschaftliche Risiken.

Trotzdem macht die Größenordnung deutlich: Der eigentliche Strom ist nur ein Teil dessen, was am Ende auf unserer Rechnung steht.

So setzt sich der deutsche Strompreis zusammen

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft kam in seiner Strompreisanalyse für 2025 auf einen durchschnittlichen Haushaltsstrompreis von rund 39,69 Cent pro Kilowattstunde.

  • 16,04 Cent – 40,4 Prozent: Beschaffung und Vertrieb
  • 10,95 Cent – 27,6 Prozent: Netzentgelte
  • 12,71 Cent – 32,0 Prozent: Steuern, Abgaben und Umlagen

Zusammengenommen entfallen damit rund 60 Prozent des Endkundenpreises auf Netze sowie Steuern, Abgaben und Umlagen.

Man sollte dabei fairerweise unterscheiden: Netzentgelte sind keine Steuer. Sie finanzieren den Betrieb, die Wartung und den Ausbau der Stromnetze. Ihre Höhe wird reguliert. Dennoch sind sie ein Kostenblock, den der Verbraucher zusätzlich zu den eigentlichen Strombeschaffungskosten bezahlen muss.

Problem Nummer 1: Deutschland baut gleichzeitig Erzeugung und Netze komplett um

Die deutsche Energiewende ist nicht einfach der Austausch einiger Kohlekraftwerke gegen ein paar Windräder.

Das gesamte Energiesystem wird umgebaut.

Große Mengen Windstrom entstehen vor allem im Norden Deutschlands und auf See, während viele große industrielle Verbraucher im Westen und Süden sitzen. Gleichzeitig wächst die Zahl dezentraler Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen und Elektroautos.

Das Stromnetz wurde ursprünglich allerdings für eine völlig andere Struktur gebaut: wenige große Kraftwerke erzeugten relativ planbar Strom und verteilten ihn über das Netz zu den Verbrauchern.

Heute fließt Strom wesentlich häufiger in verschiedene Richtungen. An sonnigen Tagen speisen Millionen Solaranlagen gleichzeitig ein. Bei starkem Wind produzieren Windparks im Norden enorme Strommengen. In anderen Stunden fällt diese Erzeugung erheblich geringer aus.

Das verlangt stärkere Übertragungsleitungen, leistungsfähigere Verteilnetze, intelligente Netzsteuerung, Speicher und flexible Verbraucher.

Und all das kostet Geld.

Problem Nummer 2: Der schleppende Netzausbau verursacht zusätzliche Kosten

Wenn im Norden mehr Strom erzeugt wird, als über die vorhandenen Leitungen in andere Regionen transportiert werden kann, müssen Netzbetreiber eingreifen.

Dann werden beispielsweise Kraftwerke oder erneuerbare Anlagen auf der einen Seite des Engpasses heruntergeregelt, während auf der anderen Seite andere Kraftwerke ihre Leistung erhöhen müssen.

Dieses sogenannte Netzengpassmanagement beziehungsweise Redispatch ist notwendig, um das Stromnetz stabil zu halten.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur entstanden allein 2025 für Netzengpassmanagement, Redispatch und Reservekraftwerke Kosten von ungefähr 3,06 Milliarden Euro.

Das ist ein entscheidender Punkt: Erneuerbarer Strom kann in der Erzeugung sehr günstig sein. Wenn die Infrastruktur fehlt, ihn zum richtigen Zeitpunkt zum richtigen Ort zu transportieren oder zwischenzuspeichern, entstehen an anderer Stelle erhebliche Systemkosten.

Sind also die erneuerbaren Energien schuld?

Nein – zumindest nicht so einfach, wie es häufig dargestellt wird.

Wind- und Solarenergie haben sehr niedrige kurzfristige Grenzkosten. Wenn viel Sonne scheint oder viel Wind weht, drücken große Mengen erneuerbaren Stroms deshalb regelmäßig den Börsenstrompreis.

Wie stark dieser Effekt inzwischen ist, zeigen die Zahlen für 2025.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur stammten 58,8 Prozent der realisierten Stromerzeugung im öffentlichen Netz aus erneuerbaren Energien.

Gleichzeitig gab es 2025 insgesamt 573 Stunden mit negativen Großhandelspreisen. In diesen Stunden war zeitweise mehr Strom im Markt verfügbar, als nachgefragt beziehungsweise wirtschaftlich genutzt werden konnte.

Das klingt zunächst absurd: Wie kann Strom an der Börse negativ kosten, während der Verbraucher 40 Cent bezahlen muss?

Weil Börsenpreis und Endkundenpreis zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind.

Der Verbraucher bezahlt nicht nur die Energie, sondern auch Netze, Steuern, Abgaben, Messstellen, Vertrieb und die Absicherung seiner kontinuierlichen Versorgung. Außerdem beziehen die wenigsten Haushalte ihren Strom zu einem stündlich schwankenden Börsenpreis.

Das Problem der Erneuerbaren besteht deshalb weniger darin, dass Wind und Sonne grundsätzlich teuer wären. Die Herausforderung liegt darin, ein Energiesystem aufzubauen, das mit einer stark schwankenden Stromproduktion umgehen kann.

Dazu gehören Netze, Speicher, flexible Kraftwerke, steuerbare Verbraucher, europäischer Stromhandel und zukünftig vermutlich deutlich stärker dynamische Stromtarife.

Und was ist mit der EEG-Umlage?

In Diskussionen über hohe deutsche Strompreise fällt bis heute regelmäßig der Begriff EEG-Umlage.

Nur: Die EEG-Umlage wird dem Stromkunden seit dem 1. Juli 2022 nicht mehr berechnet.

Seit 2023 wird die Förderung der erneuerbaren Energien grundsätzlich über den Bundeshaushalt finanziert.

Die Kosten sind damit natürlich nicht verschwunden. Sie werden lediglich nicht mehr als klassische EEG-Umlage direkt über jede verbrauchte Kilowattstunde erhoben.

Wer heute behauptet, der Haushaltsstrom sei wegen der „EEG-Umlage“ so teuer, argumentiert deshalb mit einem Preisbestandteil, den es auf der Stromrechnung in dieser Form seit Jahren nicht mehr gibt.

Welche Rolle spielt der Atomausstieg?

Auch beim Thema Atomkraft lohnt sich eine nüchterne Betrachtung.

Die Aussage, der Atomausstieg habe keinerlei Auswirkungen auf den Strompreis gehabt, wäre genauso unseriös wie die Behauptung, sämtliche hohen deutschen Strompreise seien allein durch die Abschaltung der Kernkraftwerke entstanden.

Mit dem Abschalten von Kernkraftwerken verschwindet gesicherte Erzeugungsleistung aus dem Markt. Muss diese Leistung in bestimmten Stunden durch teurere Kraftwerke ersetzt werden, kann dies den Großhandelspreis erhöhen.

Eine 2024 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Energy Policy veröffentlichte Untersuchung analysierte beispielsweise den Weiterbetrieb der letzten drei deutschen Kernkraftwerke zwischen Januar und Mitte April 2023.

Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass der Weiterbetrieb den durchschnittlichen deutschen Großhandelspreis in diesem Zeitraum um ungefähr 8,61 Euro pro Megawattstunde beziehungsweise rund sieben Prozent reduziert habe.

Das ist ein messbarer Effekt.

Aber daraus folgt ausdrücklich nicht, dass die Stromrechnung eines Haushalts bei dauerhaftem Weiterbetrieb automatisch sieben Prozent niedriger gewesen wäre. Großhandelspreise sind nur ein Bestandteil der Endkundenpreise.

Die Studie beantwortet außerdem nicht die wesentlich kompliziertere Frage, zu welchen Kosten bereits abgeschaltete und teilweise im Rückbau befindliche Kernkraftwerke heute wieder in Betrieb genommen werden könnten.

Man kann den Atomausstieg energiepolitisch kritisieren. Man sollte ihn aber nicht zur alleinigen Erklärung für jahrzehntelang gewachsene strukturelle Probleme des deutschen Strompreises machen.

Warum bestimmt manchmal teures Gas den Strompreis?

Ein weiterer häufiger Kritikpunkt ist das europäische Strommarktdesign.

Am kurzfristigen Strommarkt werden Kraftwerke vereinfacht gesagt nach ihren Grenzkosten eingesetzt. Zunächst kommen günstige Erzeuger zum Zug. Reicht deren Produktion nicht aus, werden immer teurere Kraftwerke zugeschaltet.

Der Preis für eine bestimmte Stunde orientiert sich schließlich an dem Kraftwerk, das noch benötigt wird, um die Nachfrage vollständig zu decken.

In Stunden mit wenig Wind und Sonne können dies beispielsweise Gaskraftwerke sein. Steigen Gas- oder CO₂-Preise, kann dadurch auch der Strompreis deutlich steigen.

2025 stieg die deutsche Stromerzeugung aus Erdgas nach Angaben der Bundesnetzagentur um 6,4 Prozent auf 60,6 Terawattstunden.

Erneuerbare Energien können diesen Effekt gleichzeitig in vielen anderen Stunden umkehren: Ist sehr viel Wind- oder Solarstrom verfügbar, fällt der Börsenpreis stark oder wird sogar negativ.

Muss Deutschland wegen des Atomausstiegs ständig Strom importieren?

Auch diese Aussage hört man regelmäßig.

Deutschland war 2025 tatsächlich Nettoimporteur von Strom.

  • Importe: 76,2 Terawattstunden
  • Exporte: 54,3 Terawattstunden
  • Nettoimport: 21,9 Terawattstunden

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass Deutschland sich nicht selbst hätte versorgen können.

Die Bundesnetzagentur weist ausdrücklich darauf hin, dass Strom im europäischen Verbund üblicherweise dann importiert wird, wenn die Produktion im Ausland günstiger ist als eine zusätzliche inländische Produktion.

Deutschland exportiert gleichzeitig in vielen Stunden Strom in seine Nachbarländer.

Der europäische Strommarkt funktioniert also ähnlich wie andere Märkte: Frankreich erzeugt nicht jede Ware selbst, Deutschland auch nicht. Entscheidend ist, wo Strom zu einem bestimmten Zeitpunkt wirtschaftlich am günstigsten produziert werden kann und welche Transportkapazitäten verfügbar sind.

Eine steigende Importabhängigkeit kann energiepolitisch trotzdem diskutiert werden. Sie ist aber nicht automatisch ein Beweis für einen Strommangel.

Das eigentliche deutsche Problem: Elektrifizierung trifft auf einen hoch belasteten Strompreis

Hier liegt aus meiner Sicht einer der größten Widersprüche der deutschen Energiepolitik.

Deutschland will aus Klimaschutz- und Effizienzgründen immer mehr Bereiche elektrifizieren.

  • Verbrennungsmotoren sollen zunehmend durch Elektroantriebe ersetzt werden.
  • Gas- und Ölheizungen sollen teilweise durch Wärmepumpen ersetzt werden.
  • Industrieprozesse sollen elektrifiziert werden.
  • Grüner Wasserstoff soll mithilfe großer Mengen Strom hergestellt werden.
  • Rechenzentren und Digitalisierung erhöhen zusätzlich den Strombedarf.

All diese Techn

Über Stefan

Hi, hier sollten ja eigentlich ein paar Dinge über mich stehen, wie zum Beispiel: dann und dann hier und dort geboren, da herumgekommen und dort nicht weg gekommen, nachdem er dieses und jenes gemacht hat, aber jetzt eben doch was anderes macht, entgegen seiner damaligen Vorstellungen und Wünsche. Viel Spaß beim Lesen.

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