Dieses 0:0 gegen Griechenland ist eines dieser Spiele, bei denen Ergebnis und Gefühl nicht so recht zusammenpassen. Rein auf die Tabelle geschaut ist es zu wenig. Deutschland bleibt in der Nations League Dritter, der Rückstand auf Griechenland und die Niederlande beträgt drei Punkte. Wenn ich aber nur auf die ersten 45 Minuten schaue, habe ich zum ersten Mal in dieser Länderspielphase wirklich das Gefühl gehabt: Da wächst gerade etwas zusammen.
Nach dem 0:1 im Hinspiel gegen Griechenland und dem deutlich besseren 2:0 gegen Serbien wollte ich vor allem eine Antwort auf eine Frage sehen: War München nur ein guter Abend – oder war das tatsächlich ein Schritt nach vorne unter Jürgen Klopp?
Meine Antwort nach dem Spiel in Thessaloniki lautet: Ja, es war ein Fortschritt. Aber eben noch keiner, der sich auf der Anzeigetafel auszahlt. Und genau deshalb ärgert mich dieses 0:0 mehr, als es ein völlig schlechtes Spiel getan hätte.
Das Spiel in Kürze
- Endstand: Griechenland – Deutschland 0:0
- Wettbewerb: UEFA Nations League, Liga A, Gruppe 2
- Spielort: Thessaloniki
- Knackpunkt: Jonathan Burkardts vermeintliches Führungstor wird nach VAR-Prüfung wegen eines Handspiels von Tom Bischof in der Entstehung aberkannt.
- Mein Eindruck: eine richtig starke erste Halbzeit, danach zu wenig Klarheit und Durchschlagskraft.
Die ersten Minuten: Erst erschrocken, dann richtig gut
Das Spiel hätte schon nach zwei Minuten in eine komplett andere Richtung kippen können. Giorgos Masouras kam frei zum Kopfball, Jonas Urbig reagierte stark und verhinderte den frühen Rückstand. Genau diese Szene war für mich im Nachhinein fast so wichtig wie jede deutsche Großchance. Nach so einem Start kann eine junge Mannschaft in einem unangenehmen Stadion nervös werden.
Deutschland wurde aber nicht nervös. Im Gegenteil. Danach übernahm die Mannschaft das Spiel, wurde mutiger, schneller und vor allem beweglicher. Das war der große Unterschied zum Hinspiel in Augsburg. Dort hatte ich häufig das Gefühl, dass der Ball zwar lief, aber kaum jemand wirklich etwas damit anzufangen wusste. In Thessaloniki waren plötzlich Laufwege da. Spieler boten sich zwischen den Linien an. Es wurde vertikal gespielt. Griechenland musste arbeiten.

Wirtz als Kapitän: Genau so möchte ich ihn sehen
Florian Wirtz trug erstmals die Kapitänsbinde – und für mich passte das erstaunlich gut. Nicht wegen irgendeiner symbolischen Geste, sondern weil er tatsächlich Verantwortung übernommen hat. Er forderte Bälle, drehte auf, suchte Dribblings und versuchte immer wieder, das Spiel zu beschleunigen.
Natürlich war auch bei ihm nicht alles perfekt. Aber ich möchte bei einem Spieler wie Wirtz lieber fünf Aktionen sehen, bei denen zwei nicht funktionieren, als zehn sichere Rückpässe. Gerade gegen einen Gegner wie Griechenland braucht es jemanden, der bereit ist, die Ordnung kaputtzumachen. Das hat er versucht.
Das aberkannte Tor: Ärgerlich – aber richtig entschieden
Nach gut einer halben Stunde war der Ball dann endlich im Tor. Jonathan Burkardt traf, Deutschland jubelte, und für ein paar Sekunden dachte ich: Genau das ist die verdiente Belohnung für diese erste Halbzeit.
Dann kam der VAR. In der Entstehung war Tom Bischof der Ball an die Hand gesprungen. Der Treffer wurde zurückgenommen. So ärgerlich das in diesem Moment war: Über die Entscheidung selbst muss man aus meiner Sicht nicht lange diskutieren. Entscheidend ist eher, was danach passierte. Deutschland blieb dran und hatte bis zur Pause weitere Möglichkeiten – unter anderem durch Derry Scherhant und Wirtz.
Und genau deshalb war das 0:0 zur Halbzeit so frustrierend. Deutschland hatte eine wirklich gute Halbzeit gespielt, Griechenland über weite Strecken tief eingeschnürt – aber wieder fehlte das Tor.
Derry Scherhant hat mir richtig gut gefallen
Einer der Spieler, die bei mir besonders hängen geblieben sind, ist Derry Scherhant. Nicht, weil ihm alles gelungen wäre. Sondern weil er etwas gezeigt hat, das ich bei jungen Spielern in der Nationalmannschaft sehen möchte: Mut.
Er hat den Abschluss gesucht, ist in Situationen gegangen, hat nicht erst dreimal überlegt, ob ein Dribbling vielleicht zu riskant sein könnte. Sein Flachschuss kurz vor der Pause ging nur knapp am Pfosten vorbei. Später hatte er noch eine gute Gelegenheit, traf den Ball aber nicht sauber.
Solche Szenen kann man kritisieren. Ich sehe sie lieber positiv. Ein Spieler, der sich traut, kann lernen, die letzte Aktion besser zu machen. Ein Spieler, der sich gar nicht erst traut, hilft gegen einen tiefen Block deutlich weniger.
Nach der Pause ging etwas verloren
Und dann kam die zweite Halbzeit. Genau da liegt für mich der Punkt, über den man trotz aller positiven Ansätze reden muss.
Deutschland war nicht plötzlich schlecht. Aber das Spiel wurde unruhiger. Die klaren Laufwege aus der ersten Hälfte wurden seltener, die Abstände größer, die Angriffe weniger selbstverständlich. Jürgen Klopp hat nach dem Spiel selbst gesagt, dass die Abläufe ab etwa der 60. Minute nicht mehr so klar gewesen seien. Das deckt sich ziemlich genau mit meinem Eindruck.
Mit Said El Mala und Nick Woltemade kamen frische Offensivkräfte, später folgten Bambasé Conté und Mika Baur. Trotzdem wurde der Druck nicht dauerhaft größer. Griechenland fand nun sogar etwas mehr Entlastung und hatte erneut die Möglichkeit, mit einem einzigen Moment das ganze Spiel auf den Kopf zu stellen.
Das alte Problem ist noch da: Was passiert gegen einen tiefen Block?
Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis aus beiden Spielen gegen Griechenland. Deutschland kann inzwischen wieder Tempo entwickeln, kann pressen, kann nach Ballgewinnen schnell werden. Das hat man gegen Serbien gesehen und auch in der ersten Halbzeit in Thessaloniki.
Aber wenn ein Gegner tief steht, sehr diszipliniert verteidigt und auf das eine Umschaltfenster wartet, fehlt noch die letzte Reife. Dann braucht es nicht nur Tempo, sondern Geduld. Nicht nur Laufbereitschaft, sondern Timing. Nicht nur viele Abschlüsse, sondern den einen sauberen Abschluss.
Genau das unterscheidet derzeit eine gute Phase von einem guten Spiel über 90 Minuten.
Jonas Urbig: Zwei Spiele, viel Ruhe
Auch Jonas Urbig möchte ich hervorheben. Gegen Serbien hatte er bei seinem Debüt nicht wahnsinnig viel zu tun. Diesmal wurde er schon nach zwei Minuten gebraucht – und war da.
Was mir gefällt: Er wirkt nicht hektisch. Kein großes Theater, keine übertriebene Selbstdarstellung, einfach konzentriert. Ob daraus irgendwann ein ernsthafter Kampf um die Nummer eins entsteht, ist nach zwei Spielen viel zu früh zu sagen. Aber er hat diese Länderspielphase genutzt. Mehr kann man von einem jungen Torwart kaum verlangen.
Die Tabelle macht das 0:0 trotzdem bitter
So sehr ich die spielerische Entwicklung positiv sehe: Die Tabelle interessiert sich nicht für gute Laufwege.
| Platz | Team | Spiele | Tore | Punkte |
|---|---|---|---|---|
| 1. | Niederlande | 4 | 7:5 | 8 |
| 2. | Griechenland | 4 | 5:3 | 8 |
| 3. | Deutschland | 4 | 3:2 | 5 |
| 4. | Serbien | 4 | 3:8 | 0 |
Deutschland muss im November praktisch liefern. Am 13. November geht es auswärts gegen Serbien, am 16. November folgt das Heimspiel gegen die Niederlande. Zwei Siege wären extrem wichtig. Besonders unangenehm: Der direkte Vergleich mit Griechenland ist nach dem 0:1 und dem 0:0 bereits verloren.
Klopp ist zufrieden – und ich verstehe warum
Jürgen Klopp war nach dem Spiel bemerkenswert positiv. Er lobte die erste Halbzeit, die Laufwege und die Entwicklung innerhalb dieser kurzen gemeinsamen Zeit. Ich kann das nachvollziehen.
Man kann natürlich sagen: Deutschland hat vier Spiele gemacht und nur eines gewonnen. Das stimmt. Man kann auch sagen: Gegen Griechenland gab es in zwei Spielen kein einziges Tor. Stimmt ebenfalls.
Aber ich finde, man sollte gerade jetzt nicht nur Ergebnisse nebeneinanderlegen. Klopp hat in wenigen Tagen sehr viele Spieler gesehen, unterschiedliche Mannschaften aufgestellt und trotzdem bereits Ansätze erkennen lassen, die vorher nicht immer selbstverständlich waren: aggressiveres Gegenpressing, mehr Bewegung, mehr Mut und eine klarere Idee, wie nach vorne gespielt werden soll.
Mein Fazit: Dieses 0:0 macht mir mehr Hoffnung als Sorgen
Natürlich hätte Deutschland dieses Spiel gewinnen müssen. Wer eine erste Halbzeit so deutlich kontrolliert, muss sich irgendwann belohnen. Und wenn man am Ende nur 0:0 spielt, darf man nicht so tun, als wäre alles wunderbar.
Trotzdem gehe ich aus diesem Spiel mit mehr Hoffnung als Frust. Das klingt bei einem 0:0 vielleicht seltsam, aber für mich war in Thessaloniki mehr Entwicklung zu sehen als in manchem Sieg der vergangenen Jahre.
Was jetzt fehlt, ist die Konsequenz. Aus guten Laufwegen müssen Tore werden. Aus einer starken Halbzeit müssen 90 stabile Minuten werden. Und aus dem Gefühl, dass da etwas entstehen könnte, müssen im November Punkte werden.
Genau deshalb fühlt sich dieses 0:0 für mich gleichzeitig gut und zu wenig an. Spielerisch war es ein Schritt nach vorne. In der Nations League war es ein Schritt, der Deutschland kaum vom Fleck gebracht hat.

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