Kamen kennt fast jeder Autofahrer – wegen des Kamener Kreuzes. Wer hier lebt, denkt vielleicht zuerst an den schiefen Turm der Pauluskirche, die Seseke, den Alten Markt oder an die Zeit des Bergbaus. Doch die Geschichte der Stadt reicht viel weiter zurück. Sie führt von jungsteinzeitlichen Siedlungsspuren über eine germanische Ansiedlung in Westick, mittelalterliche Burgmannen und weit vernetzte Hansekaufleute bis zur Zeche Monopol, zu Krieg und Wiederaufbau und schließlich zur renaturierten Seseke.
Und gerade in den Details wird es spannend: Kamener Kaufleute gehörten im Mittelalter zu den großen Fernhändlern des Ostseeraums. Ein in Kamen geborener Gelehrter wurde in Basel zu einem der bedeutendsten Hebraisten seiner Zeit. Ein späterer Gegner von Hexenprozessen leitete die Kamener Lateinschule. Nach dem Zweiten Weltkrieg half eine kleine Stadt in Nebraska Kamen mit CARE-Paketen – offenbar auch deshalb, weil irgendwo eine Null zu viel notiert worden war.
Bevor Kamen überhaupt Stadt wurde
Die ältesten bekannten Spuren menschlicher Besiedlung im heutigen Stadtgebiet stammen nach Angaben der Stadt Kamen bereits aus der Jungsteinzeit, also aus dem 5. bis 2. Jahrtausend vor Christus. Besonders interessant ist Westick: Im Mündungsbereich von Körne und Seseke wurden Reste einer germanischen Siedlung gefunden, die vom frühen 2. bis ins 6. Jahrhundert bestand.
Die heutigen Stadtteile tauchen dann nach und nach in schriftlichen Quellen auf. Methler wird bereits 898 erwähnt. Für Kamen selbst lassen sich um 1050 Besitzungen des Klosters Werden nachweisen. Im 12. Jahrhundert entwickelte sich der Ort deutlich weiter. Die Landesherren aus dem Umfeld der Grafen von Altena und später von der Mark ließen eine Burg anlegen; rundherum entstanden Burgmannshöfe. Zehn solcher Höfe sollen es gewesen sein. Einer der Namen lebt bis heute weiter: der Galenhof.

Aus dieser Zeit stammt auch der älteste Teil der heutigen Pauluskirche. Der romanische Turm wurde im 12. Jahrhundert errichtet. Die markante Turmhaube kam später hinzu. Dass sie sichtbar schief steht, ist kein moderner Schaden: Nach Darstellung der Stadt wurde sie vermutlich aus bautechnischen Gründen gegen die Hauptwindrichtung geneigt. Aus einem mittelalterlichen Bauproblem wurde damit eines der dauerhaftesten Wahrzeichen Kamens.
Mittelalter: Stadtmauer, Seseke und ein erstaunlich großer Markt
Im 13. Jahrhundert bekam Kamen zunehmend städtischen Charakter. Nach 1243 wurde die Stadt mit Mauern und einem Grabensystem befestigt. Die Seseke spielte dabei nicht nur als Fluss, sondern auch für die Verteidigung eine Rolle: Ihr Lauf wurde an die Befestigung herangeführt und verändert. Ein Rest der mittelalterlichen Stadtmauer aus grünlichem Anröchter Sandstein ist an der Ostenmauer noch heute erhalten.
Die ummauerte Stadt umfasste nur rund 29 Hektar und hatte im späten Mittelalter ungefähr 1.500 Einwohner. Trotzdem besaß Kamen einen für diese Größe auffallend großzügigen Marktplatz. Der Kultur Kreis Kamen weist darauf hin, dass die großen Burgmannshöfe innerhalb der Mauern viel Platz beanspruchten und Kamen deshalb flächenmäßig größer wirkte, als es seine Einwohnerzahl vermuten lässt.
Ein Stadtsiegel ist für 1284 belegt; 1346 wurden die Stadtrechte bestätigt. Kamen verfügte über Bürgermeister und Rat, eine eigene niedere Gerichtsbarkeit und eine ausgeprägte Handwerksstruktur. Mindestens acht Zünfte sind überliefert. Besonders wichtig waren Lederwaren – vor allem Schuhe – sowie Leinen. Der dafür benötigte Flachs wurde auch im Umland angebaut.
Kamen und die Hanse: viel mehr als ein Titel auf dem Ortsschild
Heute nennt sich Kamen wieder Hansestadt. Das klingt zunächst nach einem historischen Etikett, war aber im Mittelalter wirtschaftliche Realität. Kamener Kaufleute waren in den großen Handelsplätzen des Nord- und Ostseeraums unterwegs – in Lübeck, Bergen, auf Gotland und in Stockholm. Lokale Quellen berichten sogar von regelrechten Kamener Netzwerken in den Hansestädten.
Einer der spannendsten Namen ist Claus de Camen. Der Kultur Kreis Kamen beschreibt ihn für das 14. Jahrhundert als einen der bedeutenden Händler auf der Verbindung zwischen Stockholm beziehungsweise Gotland und Flandern. Er handelte unter anderem mit Butter, schwedischen Metallen, flandrischem Tuch, Öl, Häuten, Pelzen und Heringen. 1364 kaufte er ein Haus in der Lübecker Fischerstraße, später weiteren Besitz und gemeinsam mit einem Verwandten sogar ein Handelsschiff.
Auch andere Namen zeigen, wie weit das Netzwerk reichte: Hinrich van Camen war bereits 1309 Ratsherr in Lübeck. Weitere aus Kamen stammende Kaufleute ließen sich dauerhaft dort nieder. In Lübeck ist in den Quellen von einer „Camener Gruppe“ die Rede, und auch in Stockholm bildeten Menschen aus Kamen und ihrem Umfeld ein enges Netz. Das ist bemerkenswert für eine Stadt, die selbst nur wenige tausend Einwohner hatte.
Der Alte Markt war dabei das wirtschaftliche Zentrum vor Ort. Dort kreuzten sich die Wege durch die Stadttore in Richtung Münsterland, Lippe/Rhein, Hamm und weiter nach Nordosten. Ein schönes Detail: Bevor das heutige Autobahnkreuz Kamen deutschlandweit bekannt machte, gab es im mittelalterlichen Straßennetz gewissermaßen schon ein erstes „Kamener Kreuz“ mitten in der Stadt.
Kloster, Reformation und jahrhundertelange Stagnation
Um 1470 entstand aus zwei Beginenhäusern das Kamener Nonnenkloster, das bis zur Säkularisation 1818 bestand. Gleichzeitig geriet die alte Handelswelt ins Wanken. Mit dem Bedeutungsverlust der Hanse und der Verlagerung wichtiger Verkehrs- und Handelswege verlor Kamen ab dem späten 15. Jahrhundert wirtschaftlich an Gewicht. Die Stadt Kamen beschreibt eine lange Phase, in der der Ort über Jahrhunderte kaum an die Dynamik des Mittelalters anknüpfen konnte.
Religiös wurde das 16. Jahrhundert unruhig. Der Theologe Hermann Hamelmann predigte 1553/54 in Kamen nach der Lehre Martin Luthers und gilt als erster Reformator der Stadt. Wenige Jahrzehnte später gab es heftige innerprotestantische Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten. Solche Konflikte wirken heute weit weg, prägten aber damals Schule, Kirche und das öffentliche Leben unmittelbar.
1847: Die Eisenbahn beendet die lange Ruhephase
Der große Einschnitt kam im 19. Jahrhundert. 1847 erreichte die Köln-Mindener Eisenbahn Kamen. Der Bahnhof und die Fünf-Bogen-Brücke über die Seseke gehören zu den ältesten erhaltenen Bauwerken dieser frühen Eisenbahnzeit. Die Brücke ist bis heute in Betrieb – ein erstaunlich direktes Stück Infrastrukturgeschichte, das man nicht in einem Museum betrachten muss, sondern täglich erleben kann.
Die Bahn machte Kamen als Industriestandort interessanter. 1851 nahm eine Papier- und Pappenfabrik an der Weststraße die Produktion auf, 1868 folgte die Buntmetall- und Eisengießerei Jellinghaus. Die Stadt gründete 1857 eine Sparkasse und 1865 ein Gaswerk. 1870 lebten dennoch erst ungefähr 3.700 Menschen in Kamen. Das sollte sich innerhalb einer Generation dramatisch ändern.

1873: Mit der Zeche Monopol explodiert die Stadt
Im April 1873 begann das Abteufen von Schacht Grillo I der Zeche Monopol. Ende der 1870er Jahre setzte die Kohleförderung ein. Damit begann der vielleicht stärkste Wandel in Kamens Geschichte. Um 1890 arbeiteten bereits fast 1.200 Bergleute auf der Zeche. Weil die Arbeitskräfte aus der Umgebung nicht mehr ausreichten, warben die Unternehmen Menschen aus Schlesien, Polen, Österreich und anderen Regionen an. Kamen wurde binnen weniger Jahrzehnte von einer Ackerbürger- und Handwerkerstadt zu einer Bergbau- und Industriestadt.
Die Zahlen zeigen die Geschwindigkeit: 1870 hatte Kamen rund 3.700 Einwohner, 1902 waren es bereits mehr als 10.000. Neue Wohnquartiere und Zechenkolonien entstanden, unter anderem im Umfeld von Galenhof, Vogelhof und Rungenhof. Die Zuwanderung brachte wirtschaftlichen Aufschwung, aber auch soziale Spannungen zwischen Alteingesessenen und den neu angekommenen Familien.

Und woher kam eigentlich der Name „Monopol“? Dafür gibt es eine schöne lokale Überlieferung. Nach Darstellung des Kultur Kreises Kamen sollen die Unternehmer Friedrich Grillo und Heinrich Grimberg am Vorabend des Teufbeginns mit einem Champagner namens „Monopole“ angestoßen haben – und den Namen passend für die Zeche gefunden haben. Ob sich die Geschichte bis ins letzte Detail beweisen lässt, sei dahingestellt. Als Kamener Bergbauanekdote ist sie jedenfalls zu gut, um sie nicht zu erzählen.
Die Zeche wuchs weiter: Grillo II wurde ab 1887 abgeteuft, 1888 ging eine Kokerei in Betrieb. Der Bergbau prägte Kamen schließlich 110 Jahre lang. 1983 wurde die Schachtanlage Grillo stillgelegt. Heute steht das erhaltene Fördergerüst nicht mehr über einer aktiven Zeche, sondern im Umfeld des Technoparks – ein ziemlich passendes Bild für den Strukturwandel.
Kamener Köpfe: Menschen, die weit über die Stadt hinaus wirkten
Zur Stadtgeschichte gehören nicht nur Gebäude und Jahreszahlen. Einige Menschen mit Kamener Verbindung haben erstaunliche Spuren hinterlassen.
Johannes Buxtorf – aus Kamen nach Basel
Johannes Buxtorf der Ältere wurde 1564 in Kamen geboren. Er stammte aus einer Familie, die über Generationen Pfarrer, Bürgermeister und Ratsmitglieder stellte. Später ging er nach Basel und wurde dort Professor für Hebräisch. Seine Arbeiten zur hebräischen Sprache und zum Judentum machten ihn zu einem der bedeutenden christlichen Hebraisten der frühen Neuzeit. Auf seinem Epitaph im Basler Münster steht ausdrücklich: „Cameni Westfalo“ – aus Kamen in Westfalen. Der Kultur Kreis Kamen hat seine Geschichte ausführlich aufgearbeitet.
Hermann Hamelmann – der Reformator
Hermann Hamelmann wurde zwar nicht in Kamen geboren, ist aber eng mit der Stadt verbunden. Er war der erste Prediger, der hier lutherisch predigte, und wurde später zu einem wichtigen Theologen und Geschichtsschreiber der Reformation in Westfalen und Niedersachsen. Sein Aufenthalt in Kamen war damit kurz, seine Wirkung auf die Stadtgeschichte aber erheblich.
Antonius Praetorius – Lehrer in Kamen, später Gegner der Hexenprozesse
Auch Antonius Praetorius gehört in diese Reihe. 1586 wurde er Rektor der Kamener Lateinschule; eine Urkunde im Stadtarchiv belegt seine Tätigkeit. Später wurde er als einer der frühen öffentlichen Gegner von Hexenprozessen und Folter bekannt. Dass ein Mann, der später gegen die grausame Praxis der Hexenverfolgung anschrieb, zuvor in Kamen junge Menschen unterrichtete, gehört zu den eher wenig bekannten Kapiteln der Stadtgeschichte.
Gertrud Bäumer – Kamen als Station einer Frauenrechtlerin
Die spätere Frauenrechtlerin, Pädagogin und Schriftstellerin Gertrud Bäumer kam als 19-Jährige nach Kamen. Von September 1892 bis April 1894 arbeitete sie hier als Lehrerin und wohnte im damaligen Pfarrhaus. Besonders spannend: In ihren Erinnerungen beschrieb sie Kamen genau in jener Übergangsphase, in der die alte westfälische Kleinstadt durch Zeche, Zuwanderung und Industrialisierung ihr Gesicht veränderte.
Julius Voos – in Kamen geboren, letzter Rabbiner Münsters vor 1945
Julius Voos wurde 1904 in Kamen geboren und wuchs in der Schulstraße auf. Er wurde Lehrer, promovierte und legte später das Rabbinerexamen ab. 1939 übernahm er das Amt des Rabbiners der jüdischen Gemeinde in Münster – als letzter Rabbiner der Stadt vor 1945. Nach Zwangsarbeit wurde er 1943 mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Seine Frau und sein Sohn wurden ermordet; Julius Voos starb am 2. Januar 1944 im Lager. Sowohl Kamen als auch Münster erinnern heute mit einer Julius-Voos-Gasse an ihn. Die Stadt Münster dokumentiert sein Schicksal ausführlich.
Jüdisches Leben in Kamen: eine Geschichte seit dem Mittelalter
Jüdisches Leben ist in Kamen bereits für 1348 nachweisbar. Damals erhielt ein Mann namens Samuel einen Schutzbrief des Grafen Engelbert III. Über die Jahrhunderte entwickelte sich eine feste Gemeinde. Um 1900 lebten 135 jüdische Menschen in Kamen; 1933 waren es noch 56.
1901 wurde eine neue Synagoge eingeweiht. Die jüdischen Familien waren Teil des städtischen Lebens, engagierten sich in Vereinen und im Geschäftsleben. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft wurden sie entrechtet, beraubt, vertrieben und ermordet. Der Kultur Kreis Kamen hat zahlreiche Familiengeschichten rekonstruiert. Im Stadtgebiet erinnern heute Stolpersteine an die Verfolgten; allein bis Anfang 2025 war ihre Zahl auf 69 angewachsen, 2026 kamen weitere hinzu.
Im Haus der Stadtgeschichte gibt es einen eigenen Bereich zu jüdischem Leben und zur Zeit des Nationalsozialismus. Damit wird dieser Teil der Geschichte nicht als Randnotiz behandelt, sondern als Bestandteil der Stadtgeschichte.
1945: Bomben, Zerstörung – und die Übergabe der Stadt mit einer Pfeife
Im Zweiten Weltkrieg wurde Kamen schwer getroffen. Bei den Luftangriffen am 24. und 25. Februar 1945 kamen nach Recherchen des Kultur Kreises Kamen 245 Menschen ums Leben. 125 Gebäude wurden vollständig zerstört, 111 sehr schwer und weitere 350 leicht beschädigt. Auch Pauluskirche, Bahnhof, Krankenhaus, Schulen und Verkehrsanlagen wurden getroffen.
Eine der ungewöhnlichsten Kamener Geschichten spielt am 10. April 1945. Der Journalist Otto Birkefeld ging den einrückenden amerikanischen Soldaten entgegen und übergab die Stadt. Nach seiner späteren Erinnerung steckte er sich dabei eine Pfeife an. Eine andere Version erzählt von einer zusammengerollten Zeitung, die er als improvisiertes weißes Zeichen hochgehalten habe. Sicher ist: Um 13.10 Uhr war der Krieg für Kamen beendet. Der Kultur Kreis Kamen hat diese Ereignisse anhand lokaler Erinnerungen und Quellen rekonstruiert.
Bloomfield, Nebraska: Hilfe wegen einer Null zu viel
Die Nachkriegszeit war geprägt von Wohnungsnot, Hunger, zerstörter Infrastruktur und vielen Flüchtlingen, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Kamen kamen. Im Kamener Osten entstand die sogenannte „Rucksacksiedlung“ – der Name erinnert an Menschen, die oft nur mit dem ankamen, was sie tragen konnten.
1948 begann eine ungewöhnliche Hilfsbeziehung zur amerikanischen Kleinstadt Bloomfield in Nebraska. Von dort kamen CARE-Pakete und private Hilfssendungen nach Kamen. Das Kuriose daran: Nach der Darstellung des Kultur Kreises Kamen war Bloomfield in der deutschen Korrespondenz zunächst mit rund 16.000 Einwohnern angegeben worden. Tatsächlich hatte der Ort nur ungefähr ein Zehntel davon – offenbar war bei der Übertragung eine Null zu viel angehängt worden. Trotzdem blieb es bei der Hilfe. Am 10. Juli 1948 trafen die ersten 100 CARE-Pakete ein, später folgten Hunderte weitere Sendungen. Aus einem Verwaltungsfehler wurde eine sehr menschliche Nachkriegsgeschichte.
Wiederaufbau: Kamen verändert sein Gesicht
Nach dem Krieg wurde nicht nur wiederaufgebaut. Wie in vielen deutschen Städten wollten die Planer moderner, größer und verkehrsgerechter bauen. Dadurch verschwanden auch historische Gebäude. Auf dem Alten Markt wurden Kriegslücken in den 1950er Jahren mit zeitgenössischer Architektur geschlossen. In den 1960er und 1970er Jahren folgten weitere Eingriffe und Flächensanierungen. Aus heutiger Sicht lässt sich daran gut ablesen, wie stark sich der Umgang mit historischer Bausubstanz verändert hat.
Auch der Verkehr wurde zum bestimmenden Faktor. Der Abschnitt der heutigen A2 zwischen Recklinghausen und Bielefeld war bereits 1938 eröffnet worden. Das eigentliche Kamener Kreuz in Kleeblattform wurde am 27. Oktober 1956 eingeweiht. Zunächst endete die A1 in Kamen; erst 1965 wurde sie bis Münster verlängert. Eine lokale Anekdote erzählt von Kamenern, die kurz vor der offiziellen Freigabe mit einem Bollerwagen voller Bier zu Fuß über die noch leere Autobahn in Richtung Münster zogen – und deren Wagen mit jedem Kilometer leichter geworden sein soll.
1968 veränderte außerdem die kommunale Neuordnung das Stadtgebiet. Kamen bildete nun eine Einheit mit Derne, Heeren, Methler, Wasserkurl, Westick und Rottum. Viele Orte, die jahrhundertelang ihre eigene Geschichte hatten, wurden Teil der heutigen Stadt.
1983: Das Ende des Bergbaus – aber nicht das Ende der Stadt
Als die Schachtanlage Grillo 1983 schloss, endete in Kamen eine Epoche, die Bevölkerung, Arbeitswelt, Stadtbild und Selbstverständnis mehr als ein Jahrhundert geprägt hatte. Das Gelände wurde später zum Technopark weiterentwickelt. Statt das Bergbauerbe komplett zu beseitigen, blieb das Fördergerüst als sichtbares Zeichen bestehen.
Damit steht Kamen beispielhaft für den Strukturwandel am östlichen Rand des Ruhrgebiets: von Landwirtschaft und Handwerk über Eisenbahn und Kohle hin zu Dienstleistungen, Gewerbe, Technologie und einer Stadtentwicklung, die alte Industrieflächen neu nutzt.
Die Seseke: vom Abwasserlauf zurück zum Fluss
Kaum ein Ort zeigt den Wandel so anschaulich wie die Seseke. Jahrzehntelang diente sie ab Bönen als offener Schmutzwasserlauf. Erst als der Bergbau zurückging und die durch Bergsenkungen bedingten technischen Zwänge geringer wurden, konnte ein grundlegender Umbau beginnen.
Zwischen dem Ende der 1980er Jahre und 2014 baute der Lippeverband im Einzugsgebiet vier moderne Kläranlagen und rund 73 Kilometer geschlossene Abwasserkanäle. Danach konnten Betonschalen entfernt, Ufer abgeflacht und naturnähere Flussläufe geschaffen werden. Der Lippeverband bezeichnet die Seseke inzwischen sogar als Vorbild für den späteren Emscher-Umbau.

Im September 2018 wurde der Sesekepark eröffnet. Der Fluss sollte nicht mehr hinter Böschungen und Beton verschwinden, sondern wieder Teil der Stadt werden. Wer heute am Wasser entlanggeht, sieht damit das Ergebnis eines der größten langfristigen Umbauprojekte der jüngeren Kamener Geschichte. Wie die Seseke heute als Stadtraum genutzt wird, zeigt auch das Stadtleuchten Kamen 2026 mit Lichtkunst zwischen Sesekepark und Altem Markt. Auch aktuelle Veränderungen am Seseke-Weg und die Diskussion um die Sesekebrücke zeigen, dass Stadtentwicklung an diesem Fluss bis heute weitergeht.
Was von Jahrhunderten Kamen heute noch sichtbar ist
Wer Stadtgeschichte nicht nur lesen, sondern sehen will, kann in Kamen erstaunlich viele Zeitstufen auf engem Raum finden. Der Turm der Pauluskirche führt ins Mittelalter zurück. Ein Rest der Stadtmauer erinnert an die Befestigung des 13. Jahrhunderts. Der Alte Markt zeigt den historischen Mittelpunkt der Stadt. Die Fünf-Bogen-Brücke steht für den Eisenbahnschub von 1847. Das Fördergerüst der Zeche Monopol erzählt von der Industrie- und Bergbauzeit. Und die Seseke steht für den ökologischen und städtebaulichen Wandel der Gegenwart.

Das Haus der Stadtgeschichte an der Bahnhofstraße ist dafür ein besonders guter Ausgangspunkt. Das Stadtarchiv verwahrt mehr als 1.000 Urkunden, über 10.000 weitere Archivalien, rund 5.000 historische Fotografien und Kamener Zeitungen seit dem 19. Jahrhundert. Im Museum sind unter anderem Handwerk, Ackerbürgerleben, Bergbau, jüdisches Leben und Nationalsozialismus dokumentiert. Der Eintritt ist nach Angaben der Stadt kostenlos.
Eine kurze Kamener Zeitleiste
- 5.–2. Jahrtausend v. Chr.: früheste bekannte Siedlungsspuren im heutigen Stadtgebiet
- 2.–6. Jahrhundert: germanische Siedlung im Bereich Westick an Körne und Seseke
- 898: Methler wird urkundlich erwähnt
- um 1050: frühe schriftliche Hinweise auf Kamen
- 12. Jahrhundert: romanischer Kirchturm und Ausbau des Ortes; Burgmannshöfe entstehen
- ab 1243: Ausbau der Stadtbefestigung mit Mauer und Gräben
- 1284: ältestes bekanntes Stadtsiegel
- 1346: Bestätigung der Stadtrechte
- 14./15. Jahrhundert: Blüte des Fernhandels im Hanseraum
- ab Ende des 15. Jahrhunderts: wirtschaftlicher Bedeutungsverlust
- 1553/54: Reformation erreicht Kamen
- 1847: Anschluss an die Köln-Mindener Eisenbahn
- 1873: Beginn der Zeche Monopol
- 1902: mehr als 10.000 Einwohner
- 24./25. Februar 1945: schwere Luftangriffe auf Kamen
- 10. April 1945: Übergabe der Stadt an US-Truppen
- 1948: CARE-Hilfe aus Bloomfield, Nebraska
- 1956: Einweihung des Kamener Kreuzes
- 1968: kommunale Neuordnung zum heutigen Stadtgebiet
- 1983: Ende der Kohleförderung auf Schacht Grillo
- Ende 1980er–2014: Umbau des Seseke-Systems
- 2018: Eröffnung des Sesekeparks
Kamen ist keine Stadt mit nur einer Geschichte
Vielleicht ist genau das das Spannende an Kamen: Die Stadt lässt sich nicht auf Hanse, Kohle oder Autobahn reduzieren. Sie war nacheinander und teilweise gleichzeitig Ackerbürgerstadt, Handwerkerstadt, Hansestadt, Eisenbahnstadt, Bergbaustadt und Verkehrsknotenpunkt. Heute ist sie eine Stadt, die versucht, alte Strukturen neu zu nutzen und verlorene Natur zurückzuholen.
Manche Spuren sind groß und offensichtlich – der schiefe Turm, das Fördergerüst, die Fünf-Bogen-Brücke. Andere stecken in Straßennamen, Stolpersteinen oder Geschichten wie der von Claus de Camen, Johannes Buxtorf, Otto Birkefeld und den CARE-Paketen aus Bloomfield. Gerade diese kleineren Geschichten machen aus einer Chronik eine Stadtgeschichte.
Beitragsbild: Fünf-Bogen-Brücke über die Seseke. Foto: Dat doris / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Quellen und weiterführende Informationen
- Stadt Kamen: Stadtgeschichte
- Stadt Kamen: Stadtportrait und historische Zeitleiste
- Haus der Stadtgeschichte Kamen
- Kultur Kreis Kamen: Die Hanse und Kamen
- Kultur Kreis Kamen: 150 Jahre Bergbau in Kamen
- Kultur Kreis Kamen: Johannes Buxtorf
- Kultur Kreis Kamen: Gertrud Bäumer
- Kultur Kreis Kamen: Juden in Kamen
- Kultur Kreis Kamen: Kriegsende in Kamen
- Lippeverband: Die neue Seseke

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